Die Sowjets möchten aus der Nahost-Krise nicht nur politisch, sondern auch geschäftlich Kapital schlagen. Im Westen wurde wiederholt gemeldet, die UdSSR hätte als Ersatz für die ausbleibenden arabischen Lieferungen größere Mengen sowjetischen Öls angeboten. In Moskau wurden mit Blick auf Kairo solche Nachrichten energisch dementiert.

So hatte die spanische Nachrichtenagentur Cifra berichtet, daß Spanien und die UdSSR ein Abkommen über die Lieferung von jährlich 500 000 Tonnen Rohöl abgeschlossen hätten. Das sowjetische Regierungsorgan Iswestija bezeichnete diese Meldung als eine „lügnerische Erfindung der ölmonopole“. Die Sowjetskaja Rossija bestritt sogar, daß überhaupt jemals russisches Öl an Spanien geliefert worden sei.

Tatsächlich haben aber im Juli russische und japanische Tanker den spanischen Hafen Cartagena angelaufen und dort über 90 000 Tonnen Rohöl gelöscht. Wie man der offiziellen sowjetischen Handelsbilanz entnehmen kann, sind außerdem 1965 bereits 381 000 Tonnen Rohöl und außerdem 51 600 Tonnen Schweröle an Spanien geliefert worden.

1966 exportierten die Russen rund 50 Millionen Tonnen Mineralöl, 33 Millionen Tonnen davon nach Westeuropa. Das war eine Zunahme um 15 Prozent. Aber diese Steigerung wurde nach Ansicht westlicher Fachleute eher vom Hunger nach Devisen diktiert, als von dem Wunsch, überschüssiges Öl abzusetzen. Der sowjetische Ölverbrauch scheint in den letzten Jahren nämlich stärker gestiegen zu sein, als es sich die Planer in ihren kühnsten Vorhersagen hätten träumen lassen.

Für die These einer zunehmenden Ölknappheit in der Sowjetunion spricht, daß sich Moskau seit einiger Zeit darum bemüht, Ölquellen außerhalb seines Machtbereichs zu erschließen. Ein erster Erfolg war einer russischen Delegation Mitte April im Iran beschieden. Der Schah erklärte sich bereit, den Sowjets die Ölsuche in einem Konzessionsgebiet am, Persischen Golf zu gestatten.

Viele Beobachter im Westen sind deshalb der Ansicht, daß die sowjetischen Ölangebote ein Bluff sind, der aber nicht dem Westen, sondern den Arabern gilt. Um sie im Nahost-Konflikt schneller an den Konferenztisch zu bringen, wolle Moskau ihnen demonstrieren, daß sie mit Hilfe eines Ölboykotts die militärische Niederlage nicht in einen politischen Sieg verwandeln können. Die Sowjets möchten unter allen Umständen vermeiden, daß ihnen die Araber eines Tages auf der Tasche liegen. Angesichts der großen, selbstverschuldeten wirtschaftlichen Verluste der Araber ist diese Sorge verständlich:

Die Verluste der arabischen Ölländer durch die Liefersperren und Produktionseinschränkungen erreichten schon in den ersten 25 Tagen nach Kriegsaussbruch rund 1,1 Milliarden Mark. Kuweit muß jetzt schon einen Verlust von 300 Millionen Mark verbuchen, der Irak 275 und Libyen sogar 385 Millionen Mark.

Aber nicht nur Moskau scheint im Ölkrieg mit falschen Karten zu spielen. Auch den Arabern geht das Geschäft über Brüderlichkeit. Denn während Algerien einen starken Druck auf Libyen ausübte, um es zu einer längerfristigen Liefersperre gegenüber Westeuropa zu bewegen, beliefertees seinen Hauptabnehmer Frankreich unverdrossen weiter. Vieles deutet darauf hin, daß Algerien die langersehnte Möglichkeit ausnutzen möchte, in bisherige libysche Absatzmärkte (wie die Bundesrepublik und England) einzudringen. Bisher hatte das Sahara-Öl auf dem Weltmarkt einen schweren Stand gegenüber dem qualitativ besseren Libyen-Öl. mj.