Eine kritische Stimme aus Amerika

Seit Jahren fließen erhebliche Mittel aus Westdeutschland nach Westberlin, um die von ostdeutschem Gebiet umschlossene Stadt lebensfähig zu erhalten. Ziel ist, die wirtschaftliche Kraft Westberlins so zu stärken, daß nicht nur der Lebensstandard der Bevölkerung auf dem Stand der Bundesrepublik bleibt, sondern daß die Stadt aus eigener Kraft lebensfähig wird. In einer nüchternen Bestandsaufnahme, fern aller nationaler Emotionen, hat die amerikanische Wochenzeitschrift Business Week die Frage gestellt, ob das angestrebte Ziel erreichbar ist.

Nach außen hin hat sich in Westberlin nichts geändert. Der Kurfürstendamm, die Hauptschlagader der Stadt, ist immer noch voll promenierender und hastender Menschen. Arbeiter fluten durch Fabriktore, die berühmte Namen wie Siemens tragen. Immer noch gibt es Touristen, die pausenlos die häßliche Mauer anstarren, die im Jahre 1961 von den Kommunisten errichtet wurde, um Ostberlin abzukapseln, und die laufend von ihnen verstärkt wird. Unter der Oberfläche ist Westberlin eine Stadt mit ständig wachsenden Sorgen. Der einst so zähe, sprühende Lebenswille wird von der zunehmenden Angst überschattet, diese Insel der freien Welt, der freien wirtschaftlichen Entfaltung in einem Meer des Kommunismus, könnte stagnieren und eines Tages ihre Vitalität einbüßen.

Diese Sorgen haben sich in der wirtschaftlichen Rezession noch verschärft. Rechnet man im Bundesgebiet mit einem Rückgang der Investitionen in diesem Jahr um 12 Prozent, so wird der Abfall in Westberlin nach den Ermittlungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung etwa doppelt so hoch sein. Die Investitionen werden voraussichtlich um ein Viertel von 657 Millionen Mark 1966. auf 483 Millionen Mark zurückgehen.

Die so wichtige Investitionsgüterindustrie ist besonders hart betroffen; durch die Produktionseindämmung ist die Zahl der Arbeitslosen in diesem Bereich von 11 000 im Dezember auf 18 000 angestiegen. Der Absatz von Konsumgütern ist zurückgegangen.

Jetzt scheint es sogar möglich zu sein, daß sich das schleppende Wirtschaftswachstum in einen Rückgang verwandeln könnte. Dies ist entmutigend für die Westdeutschen, die viel getan haben, um die isolierte Stadt am Leben zu erhalten. Berlin mit seinen zwei Millionen Einwohnern ist nicht nur Westdeutschlands größte Stadt, sondern auch sein wichtigstes Industriezentrum. Immer noch ist Berlin die deutsche Hauptstadt – Bonn nur ein Provisorium.

Noch vor wenigen Jahren glaubten die Berliner, sie könnten fast alles überleben. Schließlich hatten sie alle brutalen Versuche Stalins und Chruschtschows überstanden, sie durch eine Blockade mürbe zu machen und die lebenswichtige Verbindung zum Westen zu unterbrechen. Die gegenwärtige Bedrohung ist jedoch anderer Art. Der Osten möchte offensichtlich Berlin durch eine Politik des unablässigen, langsamen Drucks über Ostdeutschland austrocknen.