FÜR Interessenten und Liebhaber des modernen Theaters und solche, die an Hand eines seiner wichtigsten Dramatiker den Umbruch der traditionellen Dramaturgie in eine neue Ästhetik begreifen wollen; darüber hinaus aber auch für spezielle Kenner Luigi Pirandellos – Renate Matthaei: „Pirandello“; Friedrichs Dramatiker der Weltliteratur; Friedrich Verlag, Velber; 136 S., 4,80 DM.

ES ENTHÄLT neben Lebensdaten und Bibliographie drei einleitende Kapitel, die grundsätzliche Aspekte seiner geistigen Biographie behandeln wie das Erlebnis der sizilianischen Gesellschaft, die Verbindung mit dem Faschismus, mit dem sizilianischen Mundarttheater und dem Teatro del grottesco; schließlich als Hauptteil die Interpretation seiner bedeutendsten Stücke.

ES GEFÄLLT, weil es mit Klarheit, Dichte und souveräner Kenntnis des Sujets geschrieben ist. Innerhalb der weder reichhaltigen noch im ganzen bedeutenden deutschen Pirandello-Literatur präsentiert sich von Hand einer fast unbekannten Autorin eine kleine, aber ungewöhnliche Studie, eine glänzende Einführung in das grandiose und schwierige Werk Pirandellos und, darüber hinaus, ein Beitrag zur Pirandello-Forschung und zur Ästhetik des modernen Dramas. Mit sicherem Zugriff bemächtigt sich Renate Matthaei des zentralen Konfliktes im Drama Pirandellos, der Erschütterung des Realitätsbewußtseins. Sie durchleuchtet, in welcher Form Pirandello einen gesellschaftlichen Konflikt in einen ästhetischen umformulierte. Wie sich seine Figuren heimatlos zwischen erstarrten gesellschaftlichen Konventionen und dem Chaos einer anarchischen Innerlichkeit hin und her bewegen, die sich nur in vorgetäuschten „Rollen“ noch einmal auszudrücken versucht, so stößt sich Pirandellos Drama ab vom traditionellen Realismus und Naturalismus und probiert die Möglichkeiten des modernen Dramas bis hin zum Phantastischen und Grotesken. Es wird deutlich, welch einen Schlüssel zur Ästhetik des gesamten modernen Dramas Pirandellos Werk darstellt; seine – bisher kaum verarbeitete – Aktualität wird evident, die, sobald sie wirklich ins öffentliche Bewußtsein gelangt, unweigerlich eine Pirandello-Renaissance zur Folge haben wird. Renate Matthaeis Pirandello-Studie wird dazu ein wichtiger Beitrag sein.

Marianne Kesting