Mit Erschütterung haben Freunde und Kollegen – mit ihnen ein weiterer Kreis historisch und politisch Interessierter – von dem durch ein schweres Verkehrsunglück verursachten plötzlichen Hinscheiden Klaus Epsteins gehört – eines jungen Gelehrten und Hochschullehrers, den seine Gaben, sein kritisch unterscheidender, aber immer um fördernde Ausgewogenheit bemühter Sinn und die Besonderheit des Lebensweges zu Leistungen befähigt haben, die wissenschaftlich und – in einem bestimmten Sinne – auch politisch ungewöhnlich fruchtbar schon gewesen sind und es auch in Zukunft zu sein versprachen.

Klaus Epstein, geboren 1927, stammte aus Hamburg, wo sein Vater, als Schüler von Salomon, vor der Habilitation auf dem Gebiet der Geschichte Osteuropas stand, als der Januar 1933 diesen Weg versperrte. Zusammen mit den Eltern emigrierte er nach den USA; er wurde ein sehr erfolgreicher Student an der Harvard University, wo er 1953 den philosophischen Doktorgrad erwarb und danach sieben Jahre lang als Instructor und Assistant Professor Europäische Geschichte unterrichtete. Zwischendurch war er Fulbright Lecturer an der Universität Hamburg und arbeitete als Research Fellow in deutschen Archiven und Bibliotheken. 1960 wurde ihm an der sehr angesehenen Brown University in Providence eine Professur für Europäische Geschichte angeboten, die er. bis zu seinem Tode innegehabt hat.

Wie sich schon im Lebensweg andeutet, fiel Klaus Epstein eine Brückenstellung zu. Sie hat es. ihm ermöglicht, einerseits amerikanische Probleme, vor allem solche der jüngsten, selbst miterlebten Geschichte, vor einem deutschen Hörer- oder Leserkreis zu interpretieren – so in den Ausführungen zu den „amerikanischen Präsidentschaftswahlen 1964“ oder zum „Kennedy-Bild heute“. Auf der anderen Seite war es ihm gegeben, vor seinen Lesern im anglo-amerikanischen Sprachraum Darstellungen und Auffassungen zur deutschen Geschichte wirkungsvoll zur Geltung zu bringen, die sich von der Lobpreisung irgendwelcher vornationalsozialistischen Vergangenheit ebenso fern hielten wie von allen, besonders in den USA, aber nicht nur dort, gängigen Klischees der Nachkriegszeit.

Ein hervorragendes Zeugnis seiner Bemühungen um Gerechtigkeit des Urteils nach Maßgabe eines breit erschlossenen Quellenmaterials und um die Problematik der Art des deutschen Übergangs zur Demokratie stellt das Erzberger-Buch von 1959 dar. Von der Biographie dieser umstrittenen Schlüsselfigur wandte sich Epstein, weit zurückgreifend, einem nicht weniger umstrittenen Aspekt der deutschen Parteigeschichte und Sozialgeschichte zu. Gerade in diesen Tagen ist der erste Band seiner „Genesis of German Conservatism“ erschienen. Der Fortführung in einem zweiten Band diente der Studienaufenthalt in Deutschland, dem ein so jähes Ende gesetzt worden ist.

Die Fruchtbarkeit der Brückenstellung hat sich, wie in den Büchern, so in besonderer Weise in der Rezensententätigkeit von Klaus Epstein erwiesen. Als Rezensent ist er auch Mitarbeiter der ZEIT gewesen. Vor allem aber hat er in einer Reihe von Aufsatz-ähnlichen Besprechungen vor der amerikanischen Historikerschaft und einem breiteren Leserkreis zu Fragen Stellung genommen, die für die Beurteilung der jüngeren deutschen Geschichte von großer Bedeutung sind.

In diese Reihe gehört die Auseinandersetzung mit Fritz Fischers Buch „Griff nach der Weltmacht“. Bei voller Anerkennung der Forscherleistung („herkulischer“ Art) und der verdienstvollen Ausräumung legendärer Überlieferungen werden doch sehr klar die methodischen Mißgriffe, insbesondere die „a priori construction“ gekennzeichnet, die so fatal mit gewissen Pauschalvorstellungen vom „deutschen Imperialismus“ zusammentrifft. Es sei dem Unterzeichneten erlaubt, auch den Aufsatz zu erwähnen, der die englische Neuauflage seines Buches über die deutsche Opposition gegen Hitler (1962) dem amerikanischen Publikum angezeigt hat – ausführlicher als das in englischer Sprache je geschehen ist und um so verdienstlicher, als es in einer Zeit geschah, da aufs neue schwere Verzerrungen des Urteils, u. a. den Widerstand betreffend, in der amerikanischen Öffentlichkeit sich auszubreiten begannen.

Gegen eine dieser Verzerrungen, eine sehr viel allgemeinere, die im Grunde die ganze deutsche Geschichte als die einer „wicked nation“ zu verdammen und den Nationalsozialismus als ihre „logische“ Fortsetzung zu deuten unternahm, ist Klaus Epstein, was unvergessen bleiben sollte, entscheidend in die Schranken getreten. Es handelte sich um William L. Shirers Buch „Rise and Fall of the Third Reich“. Es ist Klaus Epstein gewesen, der in einem Aufsatz der „Review of Politics“ in strenger Gedankenfolge das wissenschaftlich Unzureichende, die primitiven Methoden, die Fehlurteile und Fehlschlüsse des Shirerschen Buches umfassend und eindringend wie kein anderer dargelegt hat.