Von Bruno Molitor

Einen Ausweg bietet allein die volle „arbeitsrechtliche Lösung“. Das heißt das arbeitgebende Unternehmen hat auf eine Sechswochenfrist prinzipiell die Einkommen für kranke Arbeitnehmer fortzuzahlen. Dagegen werden vor allem Klein- und Mittelbetriebe opponieren, die bei geringen Beschäftigtenzahlen in der Tat durch Arbeitsausfall und Krankengeldzahlung besonders hart getroffen würden.

Aber hier gibt es Möglichkeiten der Abhilfe. Wie für den Arbeitnehmerunfall wäre auch für das Krankengeld an eine Versicherung der Arbeitgeber bei den Berufsgenossenschaften zu denken, die nach einem Umlageverfahren arbeitet. Und was die Aufbringung der Mittel betrifft, so mag die Befreiung der Unternehmen von Kindergeldzahlungen als Kompensation gelten, die sachentsprechend der staatlichen Familienpolitik zugehören und aus verteilungspolitischen Gründen ohnehin mit Steuermitteln zu finanzieren sind.

Ausgerüstet mit einem geläuterten Beitragsverfahren und entlastet von der Einkommensfortzahlung im Krankheitsfall, kann die Krankenversicherung ganz auf ihre zentrale Funktion ausgerichtet werden: auf die medizinischen Dienste und die gesteigerten Anforderungen, die an sie zu stellen sind. Hier geht es in erster Linie um das Verhältnis zu den Kassenärzten. Denn sie sind die Schlüsselfigur, deren Verhalten letztlich über den Leistungseffekt der Sicherungseinrichtung beim Kranken und von Invalidität Bedrohten entscheidet.

Dabei eignet dem Arzt die ökonomisch seltene Position eines Anbieters, der Art und Umfang seines Leistungsabsatzes selbst in der Hand hat. Er konstatiert, ob und welche Krankheit vorliegt. Er bestimmt über den Behandlungsaufwand, einschließlich des Medikamentenbedarfs und gegebenenfalls einer Einweisung ins Krankenhaus. Schließlich setzt er auch die Dauer fest, auf die der kranke Veisicherte als arbeitsunfähig gilt. Und die Krankenkassen (und Unternehmen) müssen leisten. Aus der Sache heraus haben weder sie noch der Patient die Möglichkeit, in den Fachfragen mitzubestimmen. Darin ist die besondere Macht der Ärzte begründet, aber auch ein prekäres Problem des ökonomischen Gleichgewichtes.

Welche Verhaltensstürzen können in diesem Betracht aktiviert werden? Da ist zunächst die ärztliche Ausbildung. Sie wäre stärker als bislang auf die Psychologie der Kassenpraxis und auf arbeits- und sozialmedizinische Kenntnisse abzustellen. Hier liegt eine große Verantwortung der medizinischen Fakultäten. Immerhin ist die Kassenpraxis für die überwiegende Zahl der Medizinstudenten später einmal die berufliche Wirklichkeit.

Nächst der Ausbildung kommt es für die Steuerung des ärztlichen Verhaltens auf das Honorierungsverfahren an. Und da muß gesagt werden, daß die überkommene Regelung keineswegs einen Behandlungseffekt erzielt, der dem eingesetzten Mittelvolumen entspräche. Das System ist, mit einem Wort, unrational. Verfehlt ist einmal, daß die amtliche Gebührenordnung, die die Preise für ärztliche Leistungen festsetzt, mit Minimumsätzen arbeitet. Auf solche Weise muß die Kluft zwischen der Kassen- und der Privatpraxis zementiert werden. Medizinisch widersinnig ist es darüber hinaus, in der Vergütungsskala die ärztliche Betreuungsfunktion in eine wachsende Zahl von technischen Einzelverrichtungen aufzusplittern. Das kann nur dem Praxisbetrieb und der „Apparaturenmedizin“ in die Hände arbeiten. Und schon kursiert die Rede von den „Ersstzaktivitäten“, zu denen Ärzte im Zuge der Amortisation ihrer kostspieliger. Einrichtungen greifen.