Historie: Mosaiken und Wandmalereien beweisen: die Römer haben ihn gekannt und naturgetreu abgebildet. Ein Ding ohne Namen; die erlauchten Autoren der Antike gedenken seiner nicht. Hätte es schon die Presse gegeben, vielleicht wüßten wir mehr. Zur Mode von Rang hat er im alten Rom offenbar nie gehört.

Preisfrage: Warum „Bikini“? Was hat jenes Atoll in der Ralikgruppe der Marshallinseln, berühmt geworden durch eine Wasserstoffbombenzündung, mit diesem Kleidungsstück zu tun? Man wird Namenstheorien entwerfen, aber es vermutlich nie genau wissen. Immerhin, einige Verbindungen lassen sich herstellen. Ein Atoll assoziiert Badefreuden und exotisch-erotische Freizügigkeiten unter ewig blauem Südseehimmel, die übliche Ansichtskartenvorstellung. Die Atombombe als das Superding schlechthin fand damals, als das Bikini-Atoll schlagzeilenreif wurde, Eingang in das pseudo-erotische Vokabular jener, die mit der Zeit zu gehen meinten und Superbegriffen nachhingen. Von der „Atombombe an Sex“ zur „Sexbombe“ war nur ein Schritt. Die Identifizierung von Atomkraft mit potenzierter Sexualität oder unerhörter erotischer Ausstrahlung als wesensverwandt der radioaktiven Strahlung, – nun, die weibliche Badetracht des atomaren Zeitalters, der Bikini, war benannt. Dies die Möglichkeit einer Theorie.

Badeanzug: Warum haftet diesem Wort heute etwas Lächerliches an, während „Bikini“ jedermann flott von den Lippen geht, als ein Inbegriff von Chic? Es muß dem braven „Badeanzug“ der Ruch biederer Bürgerlichkeit anhängen. Man trägt heute übrigens auch keinen „Schlüpfer“, sondern einen „Slip“; und das seinen Zweck schnöde bekennende Wort „Büstenhalter“ wird zum forschen „BH“. Daraus folgt: gewisse, schlichterer Zweckmäßigkeit obliegende Textilien (auch „Reizwäsche“ genannt) werden – als Bademode – aus ihrem quasi kolonialen Status in den der Selbständigkeit versetzt. Der Bikini ist eine junge Fahne aus der Landkarte der Mode. Er kommt einer Unabhängigkeitserklärung gleich.

Apropos BH: Er besteht aus zwei miteinander verbundenen Schalen, die man „Körbchen“ nennt. Sehr zutreffend; denn „der Äpfelchen begehrt ihr sehr...“ heißt es dazu einschlägig im ‚Faust“. In der Größenordnung solcher Körbdien buchstabiert man das Abc. Mißtrauisch geworden durch die Verbindung von Bademode mit der Atombombe, fragt man sich, ob auch den Abc-Körbchen insgeheime Militanz innewohnen soll, gleichsam als Abc-Waffen der Frau? Wobei auf die Verwandtschaft der erotischen und militärischen Terminologie („angreifen“, ‚erobern“, „belagern“, „im Sturm nehmen“) nur beiläufig hingewiesen sei.

Folklore: Der Volksmund, gewohnt, sich die Dinge in rabiater Weise vereinfachend mundgerecht zu machen, definiert den Bikini als „Taschentuch und zwei Briefmarken“. Damit (miß)versteht er den Bikini als Mittel knappster Verteilung. In Wahrheit aber ist der Bikini ein Kunstwerk raffinierter Entblößung. Nur deren Primitivform, der Striptease, mag sich mit einer Grundfläche in den Ausmaßen eines Taschentuchs und zweier Briefmarken begnügen; der Bikini braucht mehr, will er nicht eines verführerischen, das heißt spielerischen Ranges sui generis verlustig gehen.

Apreslude: Der einteilige Badeanzug kann nur bekleiden; der zweiteilige Bikini enthüllt und verdeckt zugleich. Aber er verdeckt, um zu enthüllen, um gewisse Interessensphären (und -hemisphären) dem Auge besonders sinnfällig zu machen: durch Verhüllung. Darin liegt der Sinn des Bikinis; denn, wie uns aus weiblichem Munde versichert wird: zum Schwimmen bevorzugt man immer noch den einteiligen Badeanzug; er gibt mehr Sicherheit, verhindert unbeabsichtigte Bloßstellung. Der Bikini ist also die Apres-Bademode. Der Apres-Ski-Mode entsprechend, wird sie ob ihrer angeblichen „Zweckfreiheit“ gelobt, wobei nur naive Seelen die eminente Zweckgebundenheit leugnen werden.

Nebenbemerkung: Angeblich bevorzugt es die Mehrzahl junger Mädchen und Frauen, nachts ohne Bekleidung zu schlafen. Eine Nachtgewandung – so die Demoskopen – trage man nur vor dem Zubettgehen. Nicht anders ist es mit dem Bikini: auch er dient nur dem Schaugepränge, und das auch denen, die sich ohne jegliche Textilien dem Wasser anvertrauen.