Von Marianne Kesting

In Georg Kaisers Drama „Von morgens bis mitternachts“ klagt der Bankkassierer, der seine Kasse um 60 000 Mark erleichtert hat, nach seinem Irrweg durch das Labyrinth der modernen Großstadt: „Mit keinem Geld aus allen Bankkassen der Welt kann man irgend etwas von Wert kaufen ... Wo winkt nun der Tausch, um den ich buhlte – im Fieber der Arbeit – in der Wut des Erwerbs – auf dem Berg meines ungezählten Golds?! In wen gehe ich unter und verliere diese Angst und tobenden Aufruhr?“

Er selbst, der kleine Beamte, ist Ausdruck einer Krisis, deren Kulminationspunkt Brecht in „Mahagonny“ als Krisis der kapitalistischen Gesellschaft formulierte. Hier wie dort wird der Ausbruch in die Freiheit über das einzige Mittel, das die moderne Gesellschaft dem Menschen gelassen hat, das Geld, mit der Einsicht gebüßt, daß die verheißene Freiheit keine war.

Während Brecht in die Zukunft der sozialistischen Gesellschaft verlegte, was ihm in der Gegenwart unerreichbar schien, mißtraute Kaiser von vornherein auch dieser Lösung, obgleich er sozialistische Ideen durchaus in seine Dramen einmontiert hat. Er sah die moderne Gesellschaft einem gewaltigen Trend unterworfen, der ihm von der Alternative Kapitalismus-Sozialismus nicht berührt schien: dem eigenmächtigen Prinzip der technisch-industriellen Entwicklung.

Zum Beispiel ist für ihn die Arbeitsteilung – in seinem Drama „Gas“ die Triebkraft der Katastrophe, Ursache des glücklosen Lebens der Arbeiter – nicht eine Folgeerscheinung des Kapitals, sondern eben der weitertreibenden Technisierung und Spezialisierung. So sieht er sie im Sozialismus auch nicht aufgehoben.

Im Ideenkosmos Georg Kaisers, der experimentierend mit jedem seiner Dramen die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Utopischen durchmaß, ist dieses Drama eines der interessantesten, weil es Ohnmacht, Hilflosigkeit und Kurzsichtigkeit der gutgemeinten „Lösungsversuche“ in krasser Weise demonstriert und damit den Punkt einer Desillusion bezeichnet, der bisher nicht überwunden worden ist.

Darum ist die Wiederbegegnung mit ihm in der Auswahl