Von H.. Jürgen Rose

Professor H. J. Rose ist Kernphysiker an der Universität Oxford und mit Deutschland durch einen Ruf als Ordinarius für Kernphysik an die Universität Frankfurt verbunden.

Oxford ist wie Berlin eine Universitätsstadt. Oxford beherbergt in seinen Mauern eine studentische Nachbildung des englischen Parlaments, die Oxford Union, die in ihren Resolutionen und Abstimmungsergebnissen kaum weniger wichtig genommen wird als ihr Londoner Vorbild. Beide Parlamente haben gemeinsam, daß sie „öffentliche Meinung“ präsentieren und daß viele englische Premiers in ihrer Laufbahn durch beide hindurchgegangen sind. Beide werden ernst genommen, und keine Regierung könnte es sich leisten, eines von ihnen zu ignorieren.

Als unsere Studenten in der Union das Vietnam-Problem diskutierten, war sich die Regierung der Vereinigten Staaten nicht zu fein, dazu Cabot Lodge eigens nach Oxford fliegen zu lassen. Dieses Studentenparlament hat in den dreißiger Jahren einmal einen Beschluß gefaßt, den selbst Geschichtsbücher für beachtenswert halten und der bedeutsam für den unseligen Weiterverlauf der Massenhysterie um Hitler geworden ist, nämlich „not to fight for King and Country“. Die Debatten dieses jungen Parlaments werden mitunter live im BBC-Fernsehen übertragen. Wie in jedem Lande, in dem öffentliche Meinung etwas gilt – und das ist die Definition von Demokratie –, sind die Reden und Gegenreden von buuhs und cheers der mitunter tausend und mehr anwesenden Studenten (und, kaum zu glauben, auch Professoren) begleitet. Keineswegs liegen die Beschlüsse dieses Parlaments immer in der Linie der offiziellen englischen Politik. Jedoch niemand in diesem Lande wird sich erdreisten, diese Debatten als „Krawalle einer kleinen Minorität“ von „übergeschnappten Studenten“ zu verstehen. Soviel aus der Provinzstadt Oxford der Frontstadt des freien Westens ins Stammbuch.

Und weiter, damit die Fronten klar seien von Beginn: Peter Wapnewski und den Kollegen an der FU, die sich vor oder doch wenigstens neben die Studenten ihrer Universität stellen, meinen Respekt. Seien sie versichert, daß ich in Oxford noch keinen Studenten und auch keinen Kollegen getroffen habe, der ihnen diesen Respekt versagen würde.

Nach all den bekannten Vorgängen stellt sich, besonders natürlich im freien Westen, die Frage: Was wird nun aus dem Image jener Stadt Berlin, die sich selbst als die Frontstadt eben jenes freien Westens versteht und auch verstanden sehen will?

Gelitten hat dieses Image jetzt gewaltig. Sympathien gewonnen hat nicht die Stadt, sondern haben ihre Studenten. Möge die Stadt soviel Klugheit und Bedacht zurückgewinnen, diese Studenten wieder wirklich zu den „ihren“ zu machen. Es ist nicht nötig, daß die Berliner Stadtväter oder der den Studenten offen oder versteckt feindlich gesinnte Teil der Berliner Bevölkerung dieses als den Rat eines möglicherweise parteiischen Oxforder Universitätsmannes anzusehen haben. Daß der Wandel im politischen – und hoffen wir auch: bald hochschulpolitischen – Bewußtsein der Studenten eine der positivsten Erscheinungen im Nachkriegsdeutschland ist, dafür gibt es gewichtigere Stimmen. Ich zitiere den Guardian vom 24. Juni: „Man kann nicht leugnen, daß sich unter den deutschen Studenten eine bemerkenswerte Transformation vollzogen hat. Dies in der Zeitspanne von nur wenigen Studentengenerationen. Es ist kaum auszudenken, daß die jungen Leute, die heute auf den Straßen Westberlins Ho-Ho-Ho-Chi-Minh rufen, zeitlich jener Generation noch so nahe stehen, auf welche die Staatsautorität einst mit Wohlgefallen schauen konnte. So mancher ‚alte Herr‘ wird sich im Grabe umdrehen.“