Nach Monaten der Spannung kam es in der westafrikanischen Föderation Nigeria zum Knall: Seit Ende der vorigen Woche kämpfen Truppen der Zentralregierung gegen die Verbände der abgefallenen Ostregion „Biafra“ unter Oberstleutnant Omedugwu Ojukwu.

Beide Seiten meldeten militärische Erfolge. Während Ojukwu behauptet, seinen Truppen sei es gelungen, die Abwehrfront zu halten, meldete Gowon, seine Soldaten seien bei Nsukka’ und Obudu über die Nordgrenze Biafras hinweg auf die Provinzhauptstadt Enugu und den strategisch wichtigen Hafen Calabar vorgerückt (vgl. Karte).

Stammeshaß und Ölinteressen sind die Ursachen für diesen Krieg, der aus Nigeria, dem volkreichsten Staate Afrikas – einst als Musterland des Schwarzen Kontinents gepriesen – ein zweites Kongo zu machen droht.

Die Vorgeschichte des Krieges am Niger begann im Januar 1966, als Offiziere des Ibo-Stammes, denen das Übergewicht des muslimischen Nordens in der Föderation mißfiel, die aus der Nordregion stammenden Staatsmänner Nigerias ermordeten und die Macht an sich rissen. Neun Monate später kam die Vergeltung: Das nördliche Volk der Haussas metzelte 30 000 Ibos nieder. Mehr als eineinhalb Millionen Angehörige dieses Stammes flohen in den Ostteil des Landes.

Nigeria drohte zu zerfallen. Vergebens mühte sich der neue Chef der Bundesregierung, der 33jährige Oberst Gowon, durch eine neue Verfassung die Stammesgegensätze auszugleichen. Sein Gegenspieler war Oberst Ojukwu, ebenfalls 33 Jahre alt, der Militärgouverneur in der Ostregion.

Am 30. Mai rief Ojukwu in Enugu die unabhängige „Republik Biafra“ aus. Als auch der Westen abzufallen drohte, teilte Gowon Nigeria in 12 neue Staaten auf – angeblich, um die ethnischen Minderheiten zu schützen. In Wirklichkeit aber sollten die neuen Grenzen Biafra vom Meer und von den Ölquellen abschneiden, die bislang den Reichtum der Ostregion ausgemacht hatten. Ojukwu scherte sich nicht um die Neueinteilung. Gowon verhängte daraufhin eine Handelsblockade über Biafra.

Die Entscheidung in diesem Nervenkrieg fiel aber weder in Lagos noch in Enugu: Am 1. Juli wurden die Konzessionsgebühren der ausländischen Ölfirmen fällig. Shell-BP fördern 85 Prozent des nigerianischen Ölexports und müssen dafür 77 Millionen Mark bezahlen. Obwohl ihre Verträge mit Lagos abgeschlossen waren, entschieden sie sich Anfang Juli, eine Anzahlung von 2 750 000 Mark an Ojukwu zu leisten.