Edward Crankshaw: Der rote Zar: Nikita Chruschtschow. Aus dem Amerikanischen von Günther Danehl. S. Fischer Verlag, Frankfurt; 344 Seiten, 24,– DM.

Nikita Sergejewitsch Chruschtschow war der typischste Russe unter allen bisherigen kommunistischen Machthabern im Kreml. Er kam wohl dem am nächsten, was wir gern als die russische „schirokaja natura“ bezeichnen: jene grandios-bestürzende Mischung nämlich von Grausamkeit und Gutmütigkeit, robuster Grobheit und vitaler Lebensfreude. Chruschtschow besaß von allem etwas; er war der erste Sowjetherrscher, der alle Welt diese Stärken und Schwächen des russischen Charakters aus unmittelbarer Nähe miterleben ließ. Dem Volke kam er unvergleichlich näher als der aus der Distanz verehrte Lenin und der unnahbare Stalin, auch wenn er weder über die messerscharfe Intelligenz des einen noch die staatsmännische Gerissenheit des anderen verfügte.

Auch seine Biographen – es sind schon über ein halbes Dutzend – können Chruschtschow eine gewisse Sympathie nicht versagen. Crankshaw, ein führender Rußlandkenner im britischen Journalismus, hat Chruschtschows Laufbahn bis in dessen nur in den Umrissen bekannte Kindheits- und Jugendjahre zurückverfolgt; er ist dem gestürzten Sowjetführer persönlich begegnet und hat ihn zu Hause und im Ausland „an der Arbeit“ gesehen. Crankshaws Buch über Chruschtschow wurde mehr als eine Biographie. Es wurde ein mit vielen, bisher unbekannten Fakten bereicherter Ausschnitt aus 45 Jahren sowjetischer Politik, mit der sich Leben und Karriere Chruschtschows immer mehr verflocht, um auf der Höhe seiner Macht fast identisch zu werden.

Chruschtschow war jedoch nicht der „rote Zar“, wie ihn der etwas unglückliche deutsche Buchtitel vorstellt. Er war weniger und mehr zugleich. Crankshaw (wie übrigens auch Lazar Pistrak, dessen Buch über Chruschtschow Crankshaw viel verdankt, und Wolfgang Leonhard in seiner ausgezeichneten Chruschtschow-Biographie) zeigt uns deutlich die charakterlichen und intellektuellen Grenzen dieses russisch-ukrainischen Bauernsohnes, seine Fehler und Irrtümer, seine völlige Unterwerfung unter Stalins Diktat gerade während der schrecklichen Zeit der „Säuberungen“, seinen offenen Antisemitismus, seine Tollpatschigkeit und Launenhaftigkeit als Staatsmann.

Trotz alldem hatte Chruschtschow den meisten seiner Vorgänger eine entscheidende Gabe voraus: die Bereitschaft und Fähigkeit, aus begangenen Fehlern zu lernen. Nirgends hat er diese Gabe deutlicher und mit größerem Mut gezeigt als nach dem gescheiterten Kuba-Abenteuer. Chruschtschow, der wenige Jahre zuvor noch fast abergläubisch an die politische Wirkungskraft nuklearer Raketen geglaubt hatte, erkannte damals ihre Grenzen und wohl auch jene der von ihm gelenkten Sowjetmacht.

Ungleich seinen zaristischen Vorgängern stand er an der Spitze der nunmehr zweitgrößten Weltmacht; der ihm daraus erwachsenden Verantwortung ist er sich in den letzten Jahren seiner Herrschaft zunehmend bewußt geworden. Wahrscheinlich gegen wachsenden Widerstand in der sowjetischen Führungsspitze versuchte Chruschtschow, seine Außenpolitik darauf umzustellen und die Welt von seiner Koexistenzbereitschaft zu überzeugen. Ob er dabei allerdings so weit ging, sich kurz vor seinem Sturz „mit Westdeutschland zu einigen und den Genossen Ulbricht zu verkaufen“, wie Crankshaw schreibt, ist zweifelhaft. Chruschtschow blieb, bei aller Anpassungsfähigkeit, der ideologisch gläubige, oft messianisch eifrige Führer des Mutterlandes der kommunistischen Revolution. Das setzte auch ihm und seiner Politik genau umschriebene Grenzen, die zu überschreiten er weder willens noch in der Lage war.

Es ist die Schwäche in Crankshaws Buch, in dem man Chruschtschow schließlich als Held abtreten sieht, daß sich der Autor zu sehr von der farbigen Persönlichkeit des Hauptdarstellers und den Höhepunkten seiner Laufbahn gefangennehmen läßt und dabei allzuleicht übersieht, wie viele ungelöste oder von ihm erst geschaffene Probleme der gestürzte Sowjetführer seinen farbloseren Nachfolgern überließ. Vielleicht besteht Chruschtschows größter Sieg darin, daß trotz der wohl unvermeidlichen„Entchruschtschowisierung“ nach seinem Sturz die entscheidenden Elemente seiner Politik beibehalten wurden.

Curt Gasteyger