Unzulänglichkeiten im Perspektivdenken einer Super-Weltmacht

Von Joachim Schwelien

Wie die Deutschen ihren langlebigen Ruf als Volk der Dichter und Denker einbüßten, droht den Amerikanern der Verlust der schnell erworbenen Fama einer Nation der Planer und Lenker. Sie erwarben dieses Etikett nach dem Krieg, als sie über Nacht zur dominierenden Weltmacht aufgestiegen waren und als erstes westliches Land dazu übergingen, langfristige militärische und politische Perspektiven ordnend in die Planung ihrer Außenpolitik einzufügen. Obgleich in Amerika wie sonst nirgendwo das Laissez faire in der Wirtschaft und in der Gesellschaft als Credo geheiligt wird, gab es keine Scheu vor dem Plandenken in der Weltpolitik. Es wurde fast erzwungen durch die einzigartige Stellung, welche die USA seit 1945 einnahmen: hier als westliche Protektions- und Führungsmacht, die einen Sperring um den sowjetischen Block legte, dort als Avantgardist der Entkolonialisierung, der die machtpolitisch leeren Räume in der Dritten Welt wirtschaftlich zu stützen oder politisch zu decken hatte, und schließlich, für eine kurze Spanne, als einzige atomar gerüstete Nation. Amerika war im historischen Sinne überhaupt die erste „Weltmacht“, da es, nach den Kapitulationen der Achsenmächte und Japans, auf allen Kontinenten und auf allen Weltmeeren in Erscheinung trat. Dafür hat es seit dem Beginn der Zeitrechnung noch kein Beispiel gegeben.

Da sich die amerikanische Weltpolitik zusehends komplizierte und ihre Mittel differenzierter wurden, erschien es angebracht, die klassische Apparatur der die Außenpolitik koordinierenden und lenkenden Bürokratie des Weißen Hauses und des Außenministeriums zu erweitern und sie, in kühnem Griff nach intellektueller Kapazität, durch Außenseiter und außenstehende Institutionen zu bereichern. So entstanden der „Planning Council“ im State Department, so begannen das Verteidigungsministerium (Pentagon) und das Außenministerium, sich den bezahlten Rat von Universitäten und Forschungsstätten für die „Planung“ ihrer Projekte einzuholen. Brillante Köpfe wurden als „Consultants“ herangezogen; von ihnen sind in Deutschland Henry Kissinger und Herman Kahn wohl die bekanntesten. Weil Planung in Amerika en vogue kam, ging ihre Terminologie – von der cost efficiency beim Ersteller neuer weapons systems bis zum crisis management – in den Sprachgebrauch der europäischen Imitatoren über. Schließlich legte sich sogar das traditionssteife Auswärtige Amt in der Koblenzer Straße zu Bonn eine Planungsabteilung zu.

„Welche Krise meinen Sie?“

Aber die Bewunderer der Planung übersahen die Grenzen ihrer Wirksamkeit. In der Militärpolitik sind die Imponderabilien noch relativ meßbar, besonders wenn ein Land so aus dem vollen schöpfen kann wie die USA. In der Außenpolitik dagegen treten täglich ungezählte, im voraus unabwägbare Faktoren auf; fremde Völker und ihre Lenker verhalten sich ebensowenig streng rational wie die Amerikaner, ihre Präsidenten und ihre Politiker im Kongreß. Die außenpolitische Planung in den Vereinigten Staaten verzeichnete einige glänzende, weitschauende Analysen und Doktrinen – und ebensoviel Kurzsichtigkeit, Fehlurteile oder schlechtweg Fehlschläge, wobei nur nachträglich der Streit gerechtfertigt bleibt, ob die Exekutoren der Politik zu wenig auf die „Planer“ gehört oder diese zu wenig von den Realitäten der Politik gewußt haben. Das Unzulängliche wird hier Ereignis, und es gibt keine illustrativeren Beispiele für den Mangel an Planung in der mit soviel Plangehirnen durchsetzten amerikanischen Weltpolitik wie das unmerkliche Abgleiten in den Morast von Vietnam oder die Hilflosigkeit, mit der die USA der Nahostkrise unserer Tage gegenüberstanden, als sie in einen militärischen Konflikt überging.

Für das Nahost-Planungsdebakel Washingtons hat sich ein unverdächtiger Kronzeuge zu Wort gemeldet, dem seine Offenheit vermutlich die Karriere kosten wird. Es ist der bisherige amerikanische Geschäftsträger in Kairo, David G. Nes, der auf der Rückreise nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Amerika und Ägypten einem Journalisten allzu freimütig anvertraute, keiner seiner seit Januar an das State Department gerichteten warnenden Berichte – in denen er die Krise für den Sommer voraussagte – sei beachtet worden. Auch verwies Nes darauf, daß in fünfzehn Jahren kein amerikanischer Offizieller im Rang über einem stellvertretenden Staatssekretär Ägypten besucht, kein Nahostexperte im State Department Zugang zum „siebenten Stock“ gehabt habe, in dem sich die Ministerbüros befinden. Schon Anfang Januar drängte Nes den Vorsitzenden des außenpolitischen Senatsausschusses, William Fulbright, es solle ein erstklassiger Berufsdiplomat oder ein das Vertrauen Präsident Johnsons genießender Geschäftsmann als Botschafter auf den unbesetzten Posten in Kairo entsandt werden. Erst am 21. Mai traf der inzwischen ernannte neue Botschafter Richard Nolte in Ägypten ein, um auf dem Flugplatz die Frage eines Korrespondenten: „Was halten Sie von der Krise?“ mit der treuherzigen Gegenfrage zu beantworten: „Krise? – Von welcher Krise sprechen Sie?“