Von Helmut Salzinger

Wie in mancher deutschen Tageszeitung zu lesen ist, sollen in Griechenland inzwischen Ruhe und Ordnung wieder eingekehrt sein. Welcher Art diese Ruhe und diese Ordnung sind, mag eine kleine Nachricht illustrieren, die kürzlich durch die Presse ging. Die Werke des Komponisten Mikis Theodorakis, bei uns vor allem durch seine Musik zu dem Film „Alexis Sorbas“ bekannt, sind jetzt in Griechenland verboten worden. Seine Lieder dürfen nicht mehr gespielt und vom Rundfunk nicht mehr gesendet werden. Der Verkauf seiner Schallplatten wurde eingestellt. Man darf seine Melodien nicht einmal mehr pfeifen, weder auf der Straße noch zu Hause. „Linksextrem“, so lautete der Kommentar, den die „Zeitung des Jahres“ in diese Meldung hineinpaschte. Und tatsächlich, Theodorakis war Vorsitzender der nun verbotenen Lambrakis-Jugend, war dazu noch Parlamentsabgeordneter der ebenfalls verbotenen EDA-Partei. Der ersten Verhaftungswelle vom 21. April ist er entgangen. Seither hält er sich versteckt.

Das jetzt ergangene Verbot seiner Musik mutet an wie eine Ersatzhandlung von Genasführten, ist aber in Wirklichkeit viel mehr. Dahinter steht eine systematisch geführte Kampagne gegen den Geist. Nicht bloß Theodorakis ist davon betroffen, sondern eine ganze Gruppe von Künstlern. Vor allem die Schriftsteller sind dem Regime ein Dorn im Auge.

„Die Abneigung faschistischer Regierungen gegen realistische Literatur ist beträchtlich ... Sie kritisieren die ‚Asphaltliteratur‘ unter Zuhilfenahme von Konzentrationslagern.“ Diese sarkastische Bemerkung von Bertolt Brecht stammt aus dem Jahre 1941 und war natürlich vor allem auf den deutschen Faschismus gemünzt; sie hat aber ihre Aktualität bis heute nicht verloren. Mag das Militärregime in Griechenland auch den Vorwurf des Faschismus bestreiten, Tatsache ist, daß es sich faschistischer Methoden bedient. Spätestens der Fall Theodorakis sollte der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit die Augen über das öffnen, was, von ihr kaum beachtet, seit dem Putsch in Griechenland vorgeht. Wenn es jemanden gibt, der über die Krise im Nahen Osten glücklich ist, so dürften es die griechischen Militärs sein. Denn solch eine makabre Schau läßt man sich nur gar zu gern stehlen.

Abgesehen von der kleinen Oberschicht sind sämtliche Bevölkerungsgruppen in Griechenland betroffen. Es ist gelungen, einen Brief von Theodorakis aus dem Land hinauszuschmuggeln, in dem er schreibt: „Zehntausende sind verhaftet worden, Hunderttausende kennen jetzt die Angst des Gejagtseins. Keiner weiß genau, wieviel Opfer es gegeben hat.“ Nach Angabe des Innenministers, des Generals Patakos, beträgt die Zahl der Inhaftierten 6509. Dies aber ist bloß der Ertrag der ersten Verhaftungswelle unmittelbar nach dem Putsch. Seither ist es weitergegangen. Darüber jedoch wurden offiziell keine Zahlen mehr bekanntgegeben. Die Schätzungen, die man von geflüchteten Griechen zu hören bekommt, schwanken zwischen zwanzig- und vierzigtausend. In Griechenland herrscht der Terror.

Das Sprachrohr des Regimes, die Athener Zeitung Eleftheros Kosmos (das heißt „Freie Welt“), hat lange Listen mit den Namen der offiziell Eingesperrten und Deportierten veröffentlicht. Unter ihnen sind eine ganze Reihe von Künstlern und Schriftstellern. In der Bundesrepublik ist davon bisher kaum Kenntnis genommen worden. Wer weiß hier schon etwas von neugriechischer Literatur? Selbst der literarisch Gebildete kann im besten Fall drei Autoren aufzählen: Nikos Kazantzakis, als Verfasser des Buches zum Film „Alexis Sorbas“, den Nobelpreisträger des Jahres 1963 Giorgios Seferis und vielleicht noch den alexandrinischen Lyriker Konstantin Kavafis. Das ist alles. Und dabei sind zwei dieser Dichter, nämlich Kavafis und Kazantzakis, bereits tot. Es hat aber in Griechenland bis zum Zeitpunkt des Putsches ein reges literarisches Leben gegeben. Damit ist es nun zu Ende. Viele der wichtigsten Schriftsteller müssen sich neuerdings die literaturkritischen Methoden der Militärs gefallen lassen, eine Literaturkritik – um das Wort von Brecht noch einmal aufzugreifen – „unter Zuhilfenahme von Konzentrationslagern“.

Denn die Sträflingsinseln, von denen auch in der deutschen Presse die Rede war, sind Konzentrationslager. Limnos, Jaros, Sankt Efstratios, Makronissos – die Namen dieser Inseln im Ägäischen Meer haben für griechische Ohren den gleichen Klang wie einst für deutsche Oranienburg, Neuengamme, Papenburg. Auf diesen Inseln befinden sich die Schauspieler Katrakis und Kallergis, der Theaterkritiker Dromazos, Vasso Katraki, die Biennale-Preisträgerin des Jahres 1966, die Lyriker Giorgios Sarantis, Nikiphoros Vrettakos, Tassos Livaditis, Jannis Ritsos und Kostas Kouloufaks, die Schriftsteller Dizelos, Vournas, Raftopoulos.