Von Peter Grubbe

In Nigeria wird gekämpft. Truppen der nige-

rinischen Zentralregierung aus Lagos sind in die Ostregion des Landes einmarschiert, um die vor sechs Wochen abgefallene Provinz, die sich seit dem 30. Mai Biafra nennt, gewaltsam in den nigerianischen Staatsverband zurückzuholen.

Der Bürgerkrieg in Nigeria ist ein Stammeskrieg. Die Ibos, die im Südosten des Landes leben, kämpfen gegen die Haussa und Fulani aus dem Norden. Der Ibo-Stamm, zu dem etwa 12 Millionen Menschen gehören, ist der technisch und kaufmännisch geschickteste und zugleich politisch fortschrittlichste Stamm Nigerias. Die mohammedanischen Haussa und Fulani dagegen ausgesprochen konservativ, stellen aber über die Hälfte der nigerianischen Bevölkerung und bestimmten daher bis zum Januar 1966 die Zusammensetzung und die Politik der Regierung.

Am 15. Januar 1966 kam es zu einem Militärputsch. Der aus dem Norden des Landes stammende Regierungschef und eine Reihe führender Politiker, die ebenfalls aus dem Norden stammten, wurden umgebracht. Die Offiziere, die den Putsch organisiert hatten, waren vorwiegend Ibos. Auch General Ironsi, der nach dem Putsch die Macht im Land übernahm, war ein Ibo. Aber Ironsi regierte nur ein halbes Jahr. Im Juli 1966. kam es zu einem neuen Putsch. Die Offiziere, die diesen zweiten Putsch organisierten, stammten vorwiegend aus dem Norden. Dementsprechend war auch der neue Machthaber Nigerias, Oberst Yakubu Gowon, ein Mann des Nordens. General Ironsi und mit ihm dreißigtausend Ibos, die im Norden des Landes lebten, wurden umgebracht. Hunderttausende flüchteten darauf in die Ostregion, in ihre angestammte Heimat zurück. Dies war der Beginn der inneren Auflösung Nigerias.

Bis zu diesem Zeitpunkt nämlich rebellierten die Ibos zwar gegen die politisch beherrschende Stellung der Haussa und Fulani in Nigeria. Aber sie wollten den Staat nicht auseinandersprengen, denn sie profitierten von ihm. Hunderttausende von ihnen, die in ihrem eigenen überfüllten Stammesgebiet nicht hatten existieren können, hatten auf Grund ihrer technischen und geschäftlichen Fähigkeiten gute Posten im Norden und im Westen Nigerias und verdienten sich dort reichlich ihren Lebensunterhalt. Aber die Pogrome des Sommers 66 lösten unter ihnen eine panische Angst aus. Sie fühlten sich in „Nigeria“ nicht mehr sicher. Sie wollten ihren eigenen Staat.

Die Natur kam ihnen zu Hilfe. In ihrem Stammesgebiet war inzwischen Öl gefunden worden. Und diese Vorkommen erwiesen sich als so reich, daß Nigeria als Ölproduzent nach Ansicht der Wissenschaftler in einigen Jahren das ölreiche Libyen überflügeln wird und heute bereits über zehn Prozent des gesamten britischen ölbedarfs deckt. Damit waren die Ibos in der Lage, sich trotz dichter Besiedlung – vierzehn Millionen Menschen – auf ihrem verhältnismäßig kleinen Gebiet – 75 000 Quadratkilometer – zu ernähren. Und auf das Öleinkommen gestützt, proklamierte der bärtige Militärgouverneur, Oberst Ojukwu, am 30. Mai 1967 die Ostregion unter dem Namen Biafra zu einem unabhängigen Staat.