Gaetano Donizetti: „Lucretia Borgia“; Montserrat Caballé, Ezio Flagello, Alfredo Kraus, Shirley Verrett, Chor und Orchester der RCA Italiana, Leitung: Jonel Perlea; RCA LSC 6176, 75,– DM.

Er schrieb seine Opern für Tamburini, Lablache, für Mario und die Grisi, für Stimmphänomene also, deren Timbre und Perfektion heute nahezu ausgestorben sind: Gaetano Donizettis siebzig Bühnenwerke entstanden in den einundfünfzig Jahren seines Lebens von 1797 bis 1848. Die exorbitanten Kehlkopfschwierigkeiten, die die Protagonisten zu überwinden haben, verbannen bis auf wenige Ausnahmen seine Opern von unseren Bühnen. Wiedererweckungsversuche in Deutschland müssen fast zwangsläufig scheitern, weil die Qualität der Stimmen der extremen Höhenlage und den halsbrecherischen Koloraturenketten nicht gewachsen sind. Versuche in München und Düsseldorf, die „Anna Boleyn“ aufzuführen, haben das jüngst bestätigt. Auch fordert die szenische, oft krause Aktion einen außerordentlichen Regisseur, inszenatorisches Mittelmaß verdammt das romantische Pathos zur Lächerlichkeit.

Eine Aufführung von Donizettis „Anna Boleyn“ in Glyndebourne hat mir gezeigt, daß hinter der melancholischen Schönheit von Terzen und Sexten dramatisches Feuer flackert. Dort schürte es die Regie und ein virtuoser, nicht nur schöner, sondern überaus ausdrucksvoller Gesang. Donizetti – das bedeutet nicht nur gefühlvolle Kantilene, sondern eine Station kurz vor dem Ziel Verdi.

Der Interpretation seiner Musik heute ist, will man ehrlich sein, nur in Glücksfällen ein vollkommenes Resultat beschieden. Aber die Schallplatte macht’s möglich. Die neue RCA-Aufnahme der 1833 an der Mailänder Scala uraufgeführten „Lucretia Borgia“ vereinigt Stimmen zu einem Ensemble, die sich mit geschmeidiger Brillanz bewegen und in opulentem Belkanto schwelgen. Nicht nur die Protagonistenrolle der Lucretia, schillernd zwischen Mörderin und Mutter, ist mit Montserrat Caballe ausgezeichnet besetzt, auch Ezio Flagello, Alfredo Kraus und Shirley Verrett singen mit quicken Stimmen, die Pathos und Lyrik gleichermaßen auskosten.

Bei den Chargen gibt es keinen Ausfall, und der Chor präsentiert sich in so guter Form wie das instrumentale Dekor. Daß ein Dirigent nicht immer der allerersten internationalen Prominenz angehören muß, um Gutes zu leisten, beweist Jonel Perlea. Der in Rumänien geborene, heute in Amerika lebende Dirigent herrscht souverän über Sänger und Musiker, aber er ist, wie sie, verliebt in die Bögen des kantablen Melos, in sein Raffinement, seine unschuldigen Fermaten.

Zärtliche Weise zu furchtbarer Story untadelig musiziert, Hans Otto Spingel