Von Rolf Zundel

Düsseldorf, im Juli

Die Konkurrenten saßen fast den ganzen Parteitag lang nebeneinander am Präsidiumstisch, und sie begegneten einander mit ausgesuchter Höflichkeit. Als Erich Mende, der Parteivorsitzende, über „die Entscheidung für den Fortschritt“ redete, war Walter Scheel wohlwollende Aufmerksamkeit in Person, und als Scheel, den eine starke Gruppe in der FDP gern an Stelle von Mende zum Parteiführer machen möchte, über „die Opposition im Angriff“ sprach, erwies ihm Mende bereitwillig seinen Respekt.

Keiner der beiden versäumte es, die Qualitäten des anderen in ein angenehmes, wenn auch nicht strahlendes Licht zu rücken. So rühmte Mende die wirtschaftlichen Fachkenntnisse von Scheel, als wollte er sagen: „ein guter Mann auf seinem Gebiet“, und Scheel wiederum pries, nachdem er vor der „bloßen Selbstdarstellung publikumssüchtiger Politiker“ gewarnt hatte, Mendes Auftritt bei einer Fernsehdiskussion mit Studenten.

Duett oder Duell? Gute Kenner der FDP erzählen, daß der Landesvorsitzende Willi Weyer, der wegen Krankheit am Parteitag der nordrhein-westfälischen FDP nicht teilnehmen konnte, nur zu gern sein Eröffnungs-Referat Erich Mende übertragen hat. Dafür konnte sich Mende – Scheel war die Schlußrede zugefallen, auf gleicher Ebene mit seinem Konkurrenten messen. Und viele Delegierte verglichen, wie die beiden Redner wirkten: Erich Mende, ein rhetorischer Schwerarbeiter, gestenreich und stimmgewaltig, und Walter Scheel, der Intellekt und Witz spielen ließ. Am Ende rissen beide den Parteitag zu Begeisterungsstürmen hin. Die Partie stand unentschieden.

Deutlich war zu spüren, daß beide versuchten, eine Neuauflage der hitzigen Hannoveraner FDP-Parteitags-Schlacht zu verhindern. Erich Mende räumte ein, daß es den Liberalen wohlangestanden habe, „mit heißem Herzen und mit tiefer Leidenschaft vor dem deutschen Volke zu diskutieren“. Und Walter Scheel gestand zu, daß „die permanent-öffentliche Willensbildung einer Partei“ die Bürger irritiere.

Auch der stark konservative Landesverband von Nordrhein-Westfalen war nicht mehr in der Stimmung, ein Scherbengericht über die Neutöner von Hannover abzuhalten. Von der Aufforderung, der Rebell Rubin solle seine Ämter niederlegen, war nicht mehr die Rede. Ein Delegierter sprach Rubin sogar ausdrücklichen Dank dafür aus, daß er die Diskussion in Gang gebracht habe; er löste damit Beifall und Protestgeschrei aus. Dieser emotionale Ausbruch blieb Episode; man hütete sich, alte Wunden aufzureißen. Zwar sind die Meinungsverschiedenheiten bei den Freien Demokraten noch nicht ausgestanden, aber unverkennbar ist doch: die Partei hat sich wieder gefangen.