Von Karl-Heinz Janßen

Wir saßen, ein Dutzend Studenten, in seiner gemütlichen Studierstube, deren Wände durch Bücher verstellt, deren Teppiche mit Akten überladen waren. Gerhard Ritter liebte es, von Zeit zu Zeit junge Menschen zum zwanglosen Gespräch einzuladen, wozu in den überfüllten Hörsälen oder den überlaufenen Seminaren nie Zeit blieb. Irgendwann kam dann der Augenblick, wo er sich behaglich zurücklehnte und den Rock öffnete, so daß die Uhrkette sichtbar wurde, die nach Altväterart über der Weste hing; er schnitt sich schweigend eine Zigarre zurecht, dann zuckte es belustigt in seinen Augenwinkeln, und man konnte sicher sein, daß jetzt eine seiner vielen Schnurren folgen würde, die er hinreißend erzählen konnte. In solcher Stimmung kam die Unterhaltung auf einen alemannischen Heimatdichter mit leicht „brauner“ Vergangenheit. Einer von uns glaubte, ihm, dem ehemaligen Gestapohäftling, imponieren zu können, indem er sich abfällig über den Dichter äußerte: „Jetzt sitzt er da auf seiner Burg, schaut nach Kolmar rüber und jammert über das verlorene deutsche Elsaß.“ Ritter antwortete nur: „Ist ja auch ein Jammer!“

Der Freiburger Historiker hat es immer schmerzlich empfunden, daß das Straßburger Münster nicht mehr deutsch sei. Er hat nie seine Freude über den Anschluß Österreichs verhehlt, wiewohl er es tief bedauerte, daß gerade der verabscheute Demagoge Hitler den Ruhm davontrug. Er dachte und fühlte so national wie sein Freund Goerdeler; er hatte nichts dagegen, wenn man ihn einen Konservativen nannte.

Gerhard Ritter gehörte zu den wenigen, die nach der Katastrophe von 1945, mitten in einem von fremden Truppen besetzten Lande, mutig für das Lebensrecht und für die Ehre des deutschen Volkes ihre Stimme erhoben. Als es Mode war, unsere Nation als von Grund auf böse und verderbt anzuprangern und seine Geschichte als eine Kette blutiger Raubzüge gegen friedliebende Nachbarvölker, als ein Schauspiel machtlüsterner Tyrannen und unterwürfiger Sklaven darzustellen, da lehrte er unbeirrt, daß sich die Deutschen ihrer tausendjährigen Geschichte nicht zu schämen brauchten. Wo er nur konnte – auf internationalen Kongressen, in Leserbriefen an große ausländische Zeitungen – trat er der Geschichtsklitterung entgegen, die Martin Luther, Friedrich den Großen und Bismarck zu Vorläufern Adolf Hitlers stempeln wollte. Ritter, der Biograph Luthers und Friedrichs, der Herausgeber der textkritischen Ausgabe von Bismarcks Gesammelten Werken, der Gegner Hitlers – er durfte es sofort nach dem Zusammenbruch wagen, wieder von Vaterlandsliebe zu reden.

Von da an ließ die Zeitgeschichte Ritter nicht aus ihrem Bann. Manche Kollegen im Ausland bedauerten, daß er nicht wieder zur Reformationsgeschichte zurückkehrte, um die er, der Nachfähre einer hessischen Pastoren- und Gelehrtenfamilie, sich bleibende Meriten erworben hat. Aber er war überzeugt, daß Historie nicht lebensfremd sein dürfe: „Wie sollten wir sichere Schritte in die Zukunft tun, wenn wir den historischen Standort unserer Gegenwart nicht genau kennen und nichts Näheres von der historisch gewordenen Struktur des Geländes wissen, in dem wir uns bewegen?“ Er wollte nicht, wie viele seines Fachs, Geschichte nur vom Rande, nur vom elfenbeinernen Turme aus schildern.

Schon während des Krieges machte er sich daran, das Problem des Militarismus zu erforschen. Er wollte das Unfaßbare begreifen, wieso ein von Natur aus eher biederes und lammfrommes Volk einem Erzmilitaristen ins Verderben folgen konnte, freiwillig und ohne aufzumucken. Nach 1945 mußte die Arbeit an dem großen Werk, für das er mit sicherem Sprachgefühl den schönen Titel „Staatskunst und Kriegshandwerk“ fand, etliche Jahre lang ruhen, ehe ihn das westliche Ausland an. die erbeuteten Archive heranließ. Tag für Tag vergrub er sich nun in Berge von Akten, die er sich in Kopien aus England und Amerika kommen oder von seinen „Amanuensen“ zusammentragen ließ.