Von Werner Höfer

Es begann wie ein schwäbischer Heimatabend: Ein Herr mittleren Alters und eben solcher Größe betrat, leichtfüßig ausschreitend, das Vestibül der Bonner Vertretung des Landes Baden-Württemberg und ging geradewegs auf eine Karte zu: „Hier bin ich geboren, in...“

... und er bezeichnete die Hauptstadt des Schwabenlandes mit jenen Urlauten, die ein Nicht-Schwabe nicht einmal in phonetischer Schreibweise zu Papier bringen kann.

Der Mann, der in späteren Jahrzehnten lernen mußte, mit Millionen zu rechnen, erinnert sich seiner ersten „Millionen-Geschäfte“: „Wenn ich von Stuttgart nach Tübingen fuhr, damals, in meiner Studentenzeit, die mit der Inflationszeit zusammenfiel, war das Geld, das mein Vater mir bei der Abfahrt in die Hand drückte, bei der Ankunft nur noch einen Bruchteil wert.“

Der Mann ist Heimkehrer – im doppelten Sinne, Heimkehrer auf Zeit. Dr. Felix Elizier Shinnar sieht seine Heimat wieder, das Schwabenland, und die Orte, an denen er für seine neue Heimat Israel einige Jahre lang gewirkt hat: Köln und Bonn. In der Bundeshauptstadt, in freundlichen Gedränge des Wiedersehens, trifft er einen Mann, der vor etlichen Jahrzehnten mit ihm auf der Schulbank und vor einigen Jahren mit ihm am Verhandlungstisch saß. Das Wiedersehen wird durch eine Anekdote dokumentiert: Bei den ersten deutsch-israelischen Verhandlungen war Englisch die Konferenzsprache. Nachdem der israelische Delegationschef einige Sätze gesprochen hat, schiebt ihm ein Deutscher einen Zettel zu mit der Frage, ob aus seinem Englisch wohl schwäbische Töne herauszuhören seien? Die Frage beantwortet sich von selbst: Durch den Händedruck zweier Männer, die sich über einen tragischen Abstand von Ereignissen hinweg die Hand gaben. Schulfreunde von einst, Verhandlungspartner von heute.

Vor zwei Jahren, als das deutsch-israelische Verhältnis sich mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen der von ihm so geduldig vorbereiteten Normalisierung näherte, war Felix E. Shinnar nach Tel Aviv zurückgekehrt. Ein Allzweck-Mann, der seinem Staat in etlichen ökonomischen, administrativen, politischen und diplomatischen Funktionen gedient hat, ohne je ein politologischer Profi geworden zu sein.

Der vor zwei Jahren in umgekehrter Richtung – von Deutschland nach Israel – heimgekehrte Felix Shinnar hat nun ein Versprechen eingelöst, das hier im Mai 1965 registriert wurde. Da hatte der Scheidende auf die Frage, wie ein so aktiver Mann sich sein Pensionärsdasein vorstelle, geantwortet: „Nun, ich kann es nicht lassen, ein Buch zu schreiben – eine Entwicklungsgeschichte der deutsch-israelischen Beziehungen. Gelingt es mir nicht so, wie ich es mir vorstelle, werde ich wenigstens meine Frau und meinen Sohn als kritische und interessierte Leser haben.“