Zum erstenmal seit Aufbruch der Nahostkrise tauchte ein sowjetischer Flottenverband am Suezkanal auf. In Port Said, das in Reichweite israelischer Geschütze liegt, und in Alexandrien machten zwölf sowjetische Kriegsschiffe fest, darunter zwei Raketenträger, ein Kreuzer, ein Zerstörer und Landungsboote. Offiziell wird von einem siebentägigen Freundschaftsbesuch gesprochen. Flottillenchef Admiral Molochow erklärte, sehe Streitmacht werde israelische Angriffe im Bunde mit Ägypten zurückschlagen.

Am vergangenen Wochenende war es am Suezkanal zum bislang schwersten Bruch des israelisch-ägyptischen Waffenstillstands seit dem 8. Juni gekommen. In die Artillerie- und Granatwerfergefechte hatten auf beiden Seiten auch Kampfflugzeuge eingegriffen.

Während sich Kairo und Tel Aviv gegenseitig der Aggression beschuldigten, gingen in New York die Bemühungen weiter, einen Wiederausbruch des Krieges zu verhindern. Nach der im ganzen ergebnislosen Abstimmungsrunde der UN-Vollversammlung in der vorigen Woche (vgl. Kasten) hatte der Weltsicherheitsrat wieder das Wort.

Ohne formelle Entschließung ermächtigte er Generalsekretär U Thant, eine Gruppe von 25 Beobachtern in die Kanalzone zu entsenden, die auf beiden Seiten der Wasserstraße stationiert werden sollen. Ägypten und Israel stimmten zu.

Ein umfassendes arabisch-israelisches Arrangement ist noch nicht in Sicht. In einem Interview mit dem „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein äußerte sich Israels Ministerpräsident Eschkol zwar zuversichtlich über die Verhandlungsbereitschaft seiner arabischen Nachbarn („Ich möchte nur den ersten finden. Den zweiten und dritten, der Frieden machen will, den habe ich schon.’). Gleichzeitig, aber bestand Eschkol auf der Annexion Jerusalems („Israel ohne Jerusalem ist Israel ohne Kopf“) und des Gaza-Streifens („Der Gaza-Streifen muß bei Israel bleiben.“) Freilich sollten territoriale Fragen einem dauerhaften Frieden nicht entgegenstehen.

Ob Eschkols Hoffnungen auf Friedensverhandlungen begründet sind, hängt von den Ergebnissen der „kleinen Gipfelkonferenzen“ in Kairo und Damaskus ab: König Hussein von Jordanien und der algerische Staatschef Boumedienne trafen sich am Nil mit Ägyptens Staatspräsident Nasser in Kairo. Boumedienne, der Nasser den Rang als oberster Führer der Araber bereits streitig zu machen droht, flog anschließend nach Damaskus, wo ihm ein begeisterter Empfang zuteil wurde. Der irakische Staatschef Aref suchte ebenfalls beide Hauptstädte auf.

Ein Thema der arabischen Staatsmänner war die „große Gipfelkonferenz“, die in Khartum (Sudan) zusammentreten soll, um die arabische Solidarität zu stärken. Denn in der arabischen Einheitsfront zeigen sich bereits bedenkliche Risse. Die alten Gegensätze zwischen den Monarchien und den sozialistischen Staaten im Vorderen Orient brechen wieder auf.

In einem Interview erklärte Hussein, notfalls auch im „Alleingang“ Verhandlungen mit Israel zu beginnen, falls die Hoffnung auf ein gemeinsames Vorgehen der Araber weiter schwinde. Saudi-Arabien hob den Ölboykott gegenüber Großbritannien und den USA auf, der König Feisal bislang 124,3 Millionen Mark gekostet hatte. (In Kairo spricht man von einem „Dolchstoß in den Rücken“.) Und König Hassan von Marokko ermahnte die arabischen Staaten, die Schuld für den verlorenen Krieg gegen Israel bei sich und nicht bei den Großmächten zu suchen.