Von Petra Kipphoff

Es muß ein ebenso hellseherischer wie auch ironischer Mann gewesen sein, der Wimbledon, dem im idyllischen Grün der Grafschaft Surrey gelegenen kleinen Vorort im Süden von London, den Wappenspruch „Sine labe decus“ verschrieben hat. Ehre ohne Makel, das ist im Sport ein ergiebiges Thema für Variationen. Und Wimbledon ist da keine Ausnahme.

Das „Lawn Tennis Championship Meeting on Grass, 1967“ wurde am 26. Juni programmgemäß um 14 Uhr eröffnet, und zweieinhalb Stunden später war bereits die erste unprogrammgemäße Sensation zu verzeichnen: Manuel Santana, der Sieger des Vorjahres und Liebling des Publikums, wurde von Charles Pasarell, einem 23jährigen, bärtigen Puerto-Ricaner mit 10:8, 6:3, 2:6, 8:6 glatt und ohne Rücksicht auf ein hörbar leidendes Publikum vom Platz befördert. Aber das war nur der Auftakt zu einer Serie von Favoritenstürzen.

Nach fünf Tagen waren fünf Gesetzte ausgeschieden: außer Santana der Australier Bowrey (der gegen den Engländer Wilson verlor), der Australier Roche (den Bungert in fünf Sätzen schlug), der Däne Jan Leschly (der das Opfer des jungen Amerikaners Marty Riessen wurde) und Roy Emerson (der von Nikolaus Pilic, dem jugoslawischen Linkshänder, ausgeschaltet wurde). Nach Santanas Sturz war Emersons verfrühtes Ende die zweite Sensation der ersten Woche: Immerhin hat Emerson das Finale in Wimbledon schon zweimal gewonnen (1964 und 1965); und die wett- und spekulierfreudigen Engländer sagten ihm nicht nur den dritten Sieg voraus (etwas, was bisher nur der Engländer Fred Perry geschafft hat), sondern sprachen auch bereits vom „grand slam“, jenem Siegeszug durch die Turniere von Melbourne, Paris, Wimbledon und Forest Hills, der nicht nur viel Ehr, sondern unter Umständen auch viel Geld bedeutet.

Über diese prosaisch ökonomische Seite des edelweißen Sports wurde in diesem Jahr überhaupt heftig und ohne Umschweife gesprochen, nachdem die Sunday Times vor zwei Monaten eine kleine Befreiungstat geleistet hatte und offen schrieb und dokumentierte, was zwar jeder Eingeweihte ohnehin wußte, aber niemand bisher so öffentlich und mit ausführlichen Zahlen belegt zuzugeben wagte: Amateur-Tennisspieler sind harte Geschäftsleute und haben feste Kurse. Am Anfang dieser Saison zum Beispiel wurde ein Santana doppelt so hoch notiert wie ein Bungert – auch deshalb war Santanas Niederlage eine kleine Katastrophe.

Die Börsen, an denen die „shamateurs“, wie man im Englischen sagt, gehandelt werden, sind die großen Firmen, die ihre jeweiligen Schützlinge mit Schlägern, Bällen und Tenniskleidung ausrüsten – kostenlos, versteht sich. Herman David, der Vorsitzende des All England Tennis Club (Veranstalter des Wimbledon-Turnieres), nannte das jetzige Turniersystem, demzufolge Berufsspieler nicht gesellschafts- sprich turnierfähig sind, eine „lebendige Lüge“, und Karl Ludwig Pracht, der Leiter des Wiesbadener Tennisturniers, wurde in der Sunday Times mit dem Satz zitiert: „Ein Turnier mit Berufsspielern ist weitaus billiger als eins mit Amateuren.“

Allerdings: In der Wimbledon-Kasse gab es bisher noch keine Flaute; die Einnahmen deckten in der 90jährigen Turnier-Geschichte noch immer lässig die Ausgaben.