Von Hans Gresmann

Ein bequemer Gast war Charles de Gaulle nie. Aber es ließ sich, bei allen Differenzen,schließlich mit ihm doch eine gemeinsame Sprache finden. Diesmal haftet dem Besucher aus Frankreich die Aura des Fremden an. Und weder freundliche Blitzlicht-Gesichter noch geschmeidige Kommuniqué-Floskeln können darüber hinwegtäuschen, daß der Mann von der anderen Seite des Rheins kein Verbündeter mehr ist.

Denn wenn das Wort Bündnis irgendeinen Sinn hat, dann bleibt nichts anderes, als schonungslos zu konstatieren, daß sich de Gaulle während der letzten Wochen mit seiner Politik aus dem Bund hinauskatapultiert hat. Unvergessen bleibt die Szene, da in New York bei der UN-Nahostabstimmung Frankreichs fünf EWG-Partner sich an die Seite Großbritanniens und der Vereinigten Staaten stellten, während de Gaulle das französische Votum auf die sowjetisch-arabische Waagschale legen ließ. Unvergessen ist auch der selbstzufriedene Auftritt, bei dem er weltpolitische Zensuren verteilte und durch ein Primitivjunktim das amerikanische Engagement in Vietnam mit der Explosion in Nahost verband. Unvergessen bleibt die Art und Weise, wie de Gaulle sich des Israelfeuers bediente, um daran seine Gloire-Suppe zu wärmen.

Als im 19. Jahrhundert England eine kontinentale Schaukelpolitik zu eigenem Nutzen betrieb, wurde das Schimpfwort vom „perfiden Albion“ geprägt – eine Bezeichnung, die in ihren emotionalen Nachklängen auch heute noch wirksam ist, besonders dann, wenn Frankreichs Staatschef glaubhaft zu machen versucht, weshalb Albion nicht in die europäische Familie paßt.

Heute treibt Frankreich eine eigennützige Schaukelpolitik, und dies mit dem schönrednerischen Slogan „aktive Neutralität“, heute klagen englische Zeitungen über das „perfide Paris“. Das perfide Paris ist zugleich allerdings auch ein glückloses Paris. Oder präziser noch: glücklos ist de Gaulle.

Der General, der sich auf politischem Höhenflug wähnte, hat sich während der letzten Wochen arg an irdischen Klippen gestoßen. Der noch beim letzten Besuch als ungekrönter König Europas nach Bonn kam, erscheint diesmal mit zerrupftem Federkleid, ein freischwebender Politiker in Absturzgefahr.

Die Nahost-Rechnung ist für den General nicht aufgegangen. Er, dessen Land für über eine Milliarde Mark Flugzeuge an Israel geliefert hat, setzte auf die sowjetisch-arabische Farbe – und verlor. Sein Versuch, Frankreich an den Verhandlungstisch der Großmächte zu boxen, schlug fehl. Als es ernst wurde, spielte der heiße Draht zwischen Washington und Moskau, und de Gaulle wurde in eine Rolle am Rande verwiesen.