Nürnberg

Sechs Pistolen liegen auf dem Richtertisch. Metallisches Klicken durchdringt die Stille im Sitzungssaal 600 des Nürnberger Justizpalastes, als Sachverständige die ungeladenen Waffen abdrücken. Sie sollen prüfen, wie leicht man den Abzug betätigen kann. Die Frage nach dem Druckpunkt ist freilich nur ein Detail und zumindest für sieben Menschen unerheblich geworden: Sie sind tot, erschossen mit diesen Pistolen. Angeklagt des Mordes ist der 26jährige Student Klaus Gosmann.

Im Publikum herrscht Todesstrafen-Stimmung. Das Schwurgericht soll den jungen Mann mit den hellen Augen als den „Mittagsmörder“ identifizieren, der fünf Jahre lang Franken terrorisiert hat. Gosmann ist auf frischer Tat gefaßt worden, als er sich am Nachmittag des 1. Juni 1965 im Nürnberger Bekleidungshaus C & A Brenninkmeyer nach einem mißglückten Handtaschendiebstahl den Fluchtweg freizuschießen versuchte und dabei den Hausmeister mit mehreren Schüssen tötete. An diesem Tag wurde die Nürnberger Polizei von einem jahrelangen Alpdruck erlöst. Als im Polizeipräsidium nach einer halben Stunde das Ergebnis einer Beschießung der drei Pistolen PPK, Duo Z und 08 Parabellum, die Gosmann bei sich geführt hatte, auf dem Schreibtisch lag, erblickten die Beamten in dem erschöpften jungen Mann nicht länger einen schießwütigen Handtaschendieb: Sie waren sicher, den „Mittagsmörder“ vor sich zu sehen.

Das Beweismaterial, das die Polizei innerhalb von zwei Jahren seit der Verhaftung Gosmanns gesammelt hat, ist erdrückend. Man ermittelte die Herkunft der Waffen, man fand bei Gosmann Landkarten mit Eintragungen über „günstige Sparkassen“, bei einer Gegenüberstellung wurde er klar als Täter von Neuhaus identifiziert. Schließlich gestand Gosmann bei der Polizei sieben Morde und verblüffte die Beamten mit einer hektischen Geständnisfreudigkeit.

Als Klaus Gosmann erstmals in den Gerichtssaal trat, brachte er eine Überraschung mit: Er widerrief seine Geständnisse. Sie seien, so behauptete er, von der Polizei durch „Lockmittel“ provoziert worden. Man habe ihm gesagt, es sei sowieso aussichtslos für ihn, und durch ein umfassendes Geständnis habe er die Chance, den Paragraphen 51 zugebilligt zu bekommen. Gosmann, Sohn eines Offiziers, der seit 1945 vermißt wird, lebte nach der Flucht aus Meseritz in Brandenburg seit 1949 mit seiner Mutter in Hersbruck bei Nürnberg. Im Gymnasium mußte er die vierte Klasse wiederholen; im Abitur fiel er durch, bestand es aber ein Jahr später in Ingolstadt. Als ihm das anschließende Studium an der 6. Fakultät (Wirtschafts- und Sozialwissenschaften) der Universität Erlangen-Nürnberg nicht zusagte, meldete er sich freiwillig als Offiziersanwärter bei der Bundeswehr. Von München aus desertierte er jedoch und ging von nun an keiner geregelten Beschäftigung mehr nach.

Gosmann gilt als intelligent – und seine Angaben zur Person zielen durchaus auf den Unzurechnungsfähigkeits-Paragraphen ab. Aus Bergengruen, Machiavelli und Nietzsche hat er sich eine Pihlosophie zusammengebastelt, die einem Mittagsmörder wohl ansteht: Darin dürfen sich starke Herrenmenschen alle Rechte herausnehmen und über Gut und Böse selbst entscheiden. Auch die Naziverbrechen zitiert Gosmann zu seiner Entlastung. Schließlich bezichtigt er auch noch seine ehemaligen Lehrer. Hätten sie ihn nicht im Abitur durchfallen lassen, hätte er einen Beruf ergreifen können, und es wäre nicht zu dem ersten Sparkassenüberfall gekommen.

Der entscheidende Zug im Bild dieses Mannes aber scheint sein Verhältnis zu Waffen zu sein – er ist das, was die Amerikaner „trigger-happy“ nennen. Er drückt gern ab. Dem Gericht schilderte er seine frühe Vorliebe für Schußwaffen. Auf langen Wanderungen habe er sich unsicher gefühlt. Vor der Polizei hatte er einmal von einer seiner Pistolen gesagt: „Ich habe sie geliebt.“ Und auf die Frage, ob er bereits mit entsicherter Pistole in die Sparkasse von Leinburg bei Nürnberg getreten sei (in der er nicht geschossen hatte): „Gesichert habe ich Pistolen eigentlich nie.“ Der Vorsitzende hält Gosmann vor: „Sie hätten die Pistolen bei Ihren Unternehmungen doch auch zu Hause lassen können?“ Gosmann: „Und was hätte ich dann mit dem leeren Schulterhalfter angefangen?“