Von Gottfried Sello

Man stelle sich vor, das Jubiläum wäre vor fünf Jahren fällig gewesen: Kein Hahn hätte (im Westen) nach der Kollwitz gekräht. Allenfalls eine Dreizeilennotiz: Vor hundert Jahren wurde in Königsberg die Graphikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz geboren, die sich aus stark entwickeltem sozialen Mitgefühl zum Anwalt der Armen und Leidenden gemacht hat. Man kann es so formulieren. Aber auch anders, aggressiver: Feder und Meißel als Waffe im Kampf. Oder freundlicher: Schwester aller Elenden. Wie auch immer, es läuft immer aufs gleiche hinaus, aufs Engagement. Andere Künstler haben sich zeitweise, haben sich partiell engagiert, die Kollwitz total. Sie wurde zum Prototyp des engagierten Künstlers in unserm Jahrhundert. Das machte sie im Osten, in der DDR, zur persona gratissima und im Westen zu einer menschlich anrührenden Figur, die künstlerisch nicht in Betracht kommt.

So war es vor ein paar Jahren. Das Klima hat sich geändert.

Die DDR ist eifriger um den Ruhm der Kollwitz bemüht als die Bundesrepublik. Sie hat mehrere große Kollwitz-Ausstellungen ins Ausland geschickt, bis nach Bombay. Für die Bundesrepublik hat der Deutsche Kunstrat eine Jubiläumsschau für das Goethe-Institut in Paris eingerichtet. Sie soll nach Stockholm und England weitergehen. Die DDR hat auch drei Kollwitz-Sondermarken herausgebracht, während unser Bundespostminister negativ reagierte, als der Kunstrat eine Sondermarke beantragte.

Der Kollwitz wurde schon bei einem ihrer ersten Auftritte der offizielle Segen verweigert. Das war 1898 auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Die Jury, an ihrer Spitze der alte Menzel, wollte ihr für den „Weberaufstand“ die goldene Medaille geben, Kaiser Wilhelm II. sprach sein Veto. Eine Bagatelle, ein Ereignis am Rande, das die große Karriere der Kollwitz nicht beeinträchtigt hat, aber aufschlußreich ist für die möglichen Verhaltensweisen zu ihrem Werk. Es fragt sich, wer die Kollwitz besser verstanden und richtiger beurteilt hat, der impertinente, künstlerisch ahnungslose Monarch, der die revolutionäre Dynamik des „Weberaufstands“ witterte, oder der Maler, den die Weber kalt ließen und die graphischen Qualitäten der Blätter enthusiasmierten.

Was gilt die Kollwitz im Westen? Der Rehabilitationsprozeß ist in vollem Gange, er hat hektische und groteske Züge angenommen, dank des Kunsthandels, der sich hier als Schrittmacher betätigt. Die Kollwitz erzielt Höchstpreise, ihre Graphik rückt in die Spitzenklasse. Bei seiner letzten Versteigerung hatte der Hamburger Auktionator Dr. Hauswedell eine immense Kollwitz-Kollektion, fast dreihundert Blätter, anzubieten. Eine gespenstische Szene: Die Sammlung war von Berlin nach Israel und von Israel nach Hamburg gekommen, und es war der 5. Juni, der Montag, an dem der Krieg in Nahost ausgebrochen war, und auf dem Podium wurde Blatt für Blatt die Welt der Kollwitz aufgeschlagen: Leichnam mit Frau – Zertretene – Frau mit totem Kind – Schlachtfeld – Die Gefangenen – Schwangere Frau von vorn – Kindersterben – Hunger, und der Saal, wie sagt man, war stimuliert, ging glänzend mit.

Rekorde wurden gebrochen, Blätter, die vor wenigen Jahren nicht für 1000 Mark abzusetzen waren, wurden bei 500 Mark ausgeboten und bei 2300 oder 5100 zugeschlagen. Mitten in dem aufgeregten Haufen, sehr gelassen, distanziert, saß der Doktor Hans Kollwitz, Arzt in Berlin, 75 Jahre alt, mit seiner Tochter, die im letzten Kriegswinter ihre Großmutter in Moritzburg gepflegt hat, wo sie ihr letztes Asyl gefunden hatte, nicht bei einem Gesinnungsgenossen, sondern beim Prinzen Ernst Heinrich von Sachsen; in Moritzburg ist Käthe Kollwitz, wenige Tage bevor die Russen kamen, gestorben.