Von Reinhard Lettau

In der eben erschienenen Juli-Ausgabe des Monat beschäftigt sich Günter Herburger mit den Ereignissen anläßlich des Besuchs des Schahs in Berlin. Titel („Bankrott der Väter“) und Inhalt seiner Ausführungen legen den Verdacht nahe, er habe sich in einer Bahnhofsbuchhandlung, auf der Suche nach Reiselektüre, den Klappentext einer wohlfeilen Freud-Ausgabe zu Herzen genommen. Sicherlich kann man, wenn man die Berliner Vorfälle als Generationskonflikt interpretiert, diese oder jene zutreffende Bemerkung machen, aber eben nur diese oder jene. Daß beispielsweise 1945 eine „Bewegung der Reinigung“ hätte beginnen können, heute aber „alle sichtbaren Zeichen von Macht von Schuld zersetzt“ seien, mag stimmen, wenn es auch in der eigenartigen Sprache jener Väter vorgetragen ist, die der seit einiger Zeit schon zornige Herburger denunziert sieht. Daß Herburgers Ansatz nicht weit führt, wird deutlich, wenn man die – zugegebenermaßen jähe – Frage stellt, ob in Vietnam oder Griechenland etwa auch ein Generationskonflikt stattfinde. Sind Ky oder Konstantin etwa Väter? Mir scheint, daß die Väter, die Herburger erhängt, lärgst Mumien sind.

Der arglose Herburger hat es nicht verhindern können, daß der Herausgeber des Monat, Hellmut Jaesrich, seinem Aufsatz ein Geleitwort mit auf den Weg gab, das sich wie die Verlautbarung einer Polizeipressestelle liest, verfaßt von einem Beamten mit Abitur und gewissen literarischen Ambitionen. Unter dem Titel „Teufel und Ohnesorg“ heißt es da: „Bei den Westberliner Studentenunruhen ... hat der blind waltende Zufall gleich zwei Menschen ... mit sprechenden Namen ausgestattet. Diese kennzeichnen ... Grupper von ungleicher Größe: eine kleine Schar von Teufeln hat in jahrelangem zähen Bemühen eine büigerkriegsartige Situation erst an der Freien Unversität, dann in der Stadt selbst aufbereitet.“ Die These, die sich Jaesrich unter besonders geschmackloser Verwendung der Namen zweier Opfer hier zu eigen macht, ist bekannt; es ist die These von Walden, Albertz und Duensing sowie der gesamten Springer-Presse: Eine kleine Anzahl von „Aufwieglern“ habe „eiskalt“ die „Parole zum Rabatz“ ausgegeben. Ihr sei die „wichsende Schar der Ohnesorgs“ („im dumpfen Drang des Menschen, mit seinem Geschick zu hadern, auch wenn es ihm vorzüglich geht“) „sorg- wie ahnungslos ins Netz“ gegangen. Für Jaesrich waren die Demonstrationen der Studenten gegen den Schah inhaltslos. Von den früheren Demonstrationen gegen Notstandsgesetze, den neo-faschistischen Militärputsch in Griechenland, gegen den Krieg in Vietnam (anläßlich des Humphrey-Besuchs), bei denen es bereits zu ernsten polizeilichen Ausschreitungen kam, hat er keine Ahnung. Und so kann es dann passieren, daß für ihn die Berliner Demonstranten (einschließlich Benno Ohnesorgs, der, wie man weiß, sich persönlich davon hatte überzeugen wollen, ob es stimme, daß die Berliner Polizei sich kriminell verhalte) – daß also diese Demonstranten, einschließlich Ohnesorgs, „im Grunde Opfer ihrer eigenen Langeweile“ sind.

Solche Diffamierung der Opfer ist mit der Feder in der Hand nicht zu überbieten, und es wundert dann nicht mehr, daß der sich als „schlichter Berliner Bürger“ bezeichnende Jaesrich einerseits die Westberliner Polizei lediglich der „Inkompetenz“ zeiht (soll sie so perfekt werden wie die Ostberliner?), andererseits sich ganz hinter, oder vielmehr vor, nämlich an die Spitze der Springer-Presse stellt, wenn er schreibt, die Studenten erblickten den Grund für ihre Unbeliebtheit in dem „Konterfei, das die ... Springer-Presse von ihnen liefert. Und wie Schneewittchens Stiefmutter möchten sie den Spiegel, der sie so unvorteilhaft repräsentiert, kurzerhand in Stücke schlagen.“ Wie man weiß, hatte jener Spiegel nicht gelogen!

Der leider großen Anzahl der „schlichten Bürger Berlins“, die diese unglückliche Stadt zusehends abwürgen, muß man, seit Erscheinen der jüngsten Ausgabe des Monat‚ nun leider einen weiteren hinzurechnen.