Josef Schmitz van Vorst: Kirche gestern – Kirche morgen. Aufzeichnungen 1962 bis 1966. Verlag Kepplerhaus, Stuttgart; 300 Seiten, 18,80 DM.

Am Ende seines Buches schreibt der Autor, vieles auf dem Vatikanischen Konzil sei unvollendet geblieben; doch eben durch diese Lücken hindurch vermöge der Sauerteig der großen katholischen Kirchenversammlung weiterzuwirken. Nicht von ungefähr wählte Schmitz van Vorst den Untertitel "Aufzeichnungen". Diese Form der schildernden, betrachtenden, wenn auch thematisch geordneten Notizen ergab sich aus der Arbeitsweise des Journalisten und Korrespondenten, dessen tägliche Konzilsberichtserstattung in der "Frankfurter Allgemeinen" ausführliche und sachkundige Information bot.

Die "Aufzeichnungen" sind mehr als eine Sammlung dessen; sie vervollständigen und ergänzen, sie lassen neben dem vordergründigen Geschehen, der fast parlamentarisch-geschäftigen Bemühung ums Metaphysische, das einem solchen Konzil theologischer und hierarchischer Sachwalter Christi unvermeidlich anhaftet, auch den Hintergrund sichtbar bleiben: den weiten historischen und geistigen Horizont einer so universalen, altehrwürdigen Institution wie es die katholische Kirche ist, die sich mutig den Zweifeln, Schwächen und Herausforderungen einer Welt stellt, die ihr anders zu entgleiten drohte.

Die Form der "Aufzeichnungen", in denen zuweilen blitzartig die Erkenntnis des tieferen Zusammenhangs vermittelt wird und sogar reichlich Raum für das Anekdotische bleibt, für das Menschliche (und Allzumenschliche), das eben den Katholizismus soviel humaner, weltgerechter sein läßt als den Puritanismus und Perfektionismus moderner Ideologien – solche Form des Buches wird dem Fragmentarischen gerecht, das dem Ereignis selbst anhaftete.

Man braucht nur einige Stichworte zu nennen, die Schmitz van Vorst gibt, um das weite Feld zu ermessen, auf dem diese Kirche mit und seit dem Konzil wichtige Schritte tat, ohne sich des Ziels schon immer ganz gewiß zu sein: "Entmythologisierung der Kurie" – "Ende des Kreuzzugsgeistes" – "Beginn des großen Dialogs" – "Religionsfreiheit – eine kopernikanische Wende".

Von Pius XII. über Johannes XXIII. bis Paul VI., der die Tiara ablegte, reicht der "Abbau des übersteigerten kirchlichen Autoritätsverständnisses", wie es der Autor einmal nennt, ohne daß klerikale Enge durch laxe Liberalität ersetzt würde. Der Erfolg des Reformwerks, dem sich diese Kirche verschrieben hat, hängt wesentlich – das lehrt dieses Buch – von der Abgrenzung des "Aggiornamento", der Anpassung an die gegenwärtige Welt, ab. Eine Institution, die sich nicht von dieser Welt herleitet, doch für diese Welt dasein will, kann sich nicht mehr darin genügen, ihr dogmatisches Selbstverständnis zu hüten. Sie muß Verständnis zeigen, Antworten geben, wo Krieg, Bevölkerungsdruck, Hunger, Unfreiheit und Unmenschlichkeit den Menschen als Ebenbild Gottes in Frage stellen.

Wie diese Notwendigkeit die Traditionen und Konventionen der römischen Kurie zu durchbrechen beginnt, mit Schwierigkeiten und Rückschlägen auch, wie sich die Vielfalt des Denkens in der Einheit eines Glaubens regt und aus der – gewiß großartigen – lateinischen Klarheit und Geborgenheit heraustritt, um sich der Unsicherheit des "ökumenischen" Alltags zu stellen – das wird in diesem Buch vielleicht auch den Nichtgläubigen faszinieren können.

Leider nur wenig berührt wird in dem Buch die päpstliche Ostpolitik, die direkte und indirekte Reaktion des Konzils auf die Existenz einer großen kommunistisch oder doch "links" orientierten Welt. Hansjakob Stehle