Daß DuMont die deutschen Romantiker in seine hochambitionierte exklusive „Bibliothek großer Maler“ aufgenommen hat, halte ich für eine glückliche Entscheidung, die sich über den tatsächlichen oder vermuteten Publikumsgeschmack souverän hinwegsetzt. Die Malerei der deutschen Romantik ist sehr ins Hintertreffen geraten, aus plausiblen Gründen. Ludwig Richter und Moritz von Schwind, die als ihre Repräsentanten genommen wurden, haben sie auf ein kleinbürgerliches Maß zurechtgeschnitten. Noch gefährlicher war der nationalistische Überschwang, der die Malerei der Romantik als Offenbarung der deutschen Seele, der deutschen Innerlichkeit, des deutschen Gemüts feierte. Es ist an der Zeit, die mißkreditierte Kunst neu zu besichtigen, ihr kritisch, aber ohne Vorurteile nahezukommen.

Hubert Schrade, der Verfasser des Bandes „Deutsche Maler der Romantik“ (Verlag M. DuMont Schauberg, Köln; 128 S. mit 40 Farbtafeln und 53 einfarbigen Abb., 49,– DM), empfiehlt, den vieldeutigen, mißverständlichen, überstrapazierten Begriff der Romantik zunächst beiseite zu lassen. „Was will all der Lärm über klassisch und romantisch!“ äußert unmutig der achtzigjährige Goethe zu Eckermann. Schrade gibt keine Sammlung romantischer Bilder, sondern eine Übersicht über die deutsche Malerei zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Er hält nicht viel von der herkömmlichen Unterscheidung zwischen klassizistischer, romantischer und realistischer Malerei, weil verbindliche Stilkriterien daraus nicht zu entwickeln seien und der künstlerische Reichtum der Epoche durch einen einheitlicher, Stilbegriff eingeengt werde.

Diesen undoktrinären Standpunkt kann man an der Auswahl der Bilder überprüfen. Das sogenannte romantische Sujet ist kaum vorhanden. Der Tetschener Altar von Caspar David Friedrich erscheint nur in einer kleinen Schwarzweißreproduktion, seine „Wiesen vor Greifswald“ und die „Frau am Fenster“, keine typisch romantischen Motive, sind als Farbtafeln reproduziert. Seine abgebildete aquarellierte Federzeichnung ist charakteristisch nicht für die Epoche, sondern für den genialen Zeichner Carl Philipp Fohr, für dessen „Modernität“ Schrade den Ausdruck „geometrisierender Skizzismus“ in Vorschlag bringt. Auch bei der Wahl der Künstler verläßt sich Schrade nicht auf die traditionelle Rangliste. Neben der kunsthistorisch anerkannten Prominenz findet man Namen wie Joseph Rebell, Johann Martin von Rehden, Johann Jakob Gensler, ein guter Landschafter, sein „Strand bei Blankenese“ ist ein vorzügliches Beispiel für frühe Freilichtmalerei, aber mit der von Carus entwickelten Theorie des „Erdleben“-Bildes würde ich es nicht in Verbindung bringen. Die These, daß der romantische Maler die in der Landschaft „verborgene göttliche Idee“ zur Anschauung bringen wolle, wird von Schrade nicht nur gegenüber dem harmlosen Gensler entschieden über akzentuiert. In der Einleitung und im Schlußwort befaßt er sich ausführlich mit dem Begriff der „Ästhetischen Kirche“, mit der unsichtbaren, der verwunschenen Kirche. Man soll das sakrale Moment der romantischen Malerei nicht unterschätzen oder unterschlagen. Aber wenn man sie als „Andachts-Kunst“ interpretiert, wird die Romantik auf einen einzigen Aspekt sublimiert, der nicht dazu angetan ist, dem heutigen Betrachter den Zugang zu erleichtern. Gottfried Sello