Von Gustav Adolf Henning

Welchen Genuß mag der Kaffeestrauch davon haben, daß in seinen Zellsäften Moleküle von Coffein umherschwimmen? Was macht sich die Tabakpflanze aus ihrem Nikotin? Und wozu in aller Welt benutzt der Fingerhut die in seinen Blättern und Blüten kreisenden mächtigen Herzgifte?

Die anthropozentrische Deutung früherer Zeiten sah in der Natur einen Kramladen, für den Menschen gefüllt, damit er genieße und genese. Der moderne Botaniker bezieht die Existenz von Alkaloiden, Glykosiden, Terpenen und ätherischen Ölen nicht mehr auf den Menschen, sondern auf die Pflanze, und deutet solche Stoffe als Exkrete, Endprodukte des Stoffwechsels, ähnlich dem Harnstoff und der Harnsäure der Tiere. Sie sind zu nichts oder wenig nütze, so daß die Pflanze sie mangels Exkretionsorganen in irgendeinem überirdischen Teil ablagert. Doch dies, so behaupten der Insektenforscher und Genetiker Paul R. Ehrlich und der Botaniker Peter H. Raven – beide Professoren der Stanford-Universität –, ist noch nicht die ganze Geschichte.

Dem Konsumenten jener drei Pflanzeninhaltsstoffe, der zu dem vom Arzt verbotenen Kaffee die ihm ebenfalls verbotene Zigarre raucht und dabei die ihm verordneten Herztropfen sorgfältig ins Glas zählt, wird es kaum bewußt sein, daß all diese „Geschenke der Natur“ ursächlich zusammenhängen mit jenem Schmetterling, dem er versonnen nachschaut. Selbst Biologen, so meinen die Stanford-Wissenschaftler in der jüngsten Ausgabe der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift „Scientific American“, vergegenwärtigen sich oft nur ungenügend die enge Verflechtung zwischen Tier- und Pflanzenwelt, unterschätzen zumindest den vielfältig verzahnten Angriffs-, Abwehr- und Anpassungs-Prozeß, der sich seit Urzeiten zwischen Pflanzenfressern und Pflanzen abspielt.

Dieses Wechselspiel wird freilich nur selten augenfällig, etwa wenn Heuschreckenschwärme eine Landschaft verwüsten, wenn die Kieferneule einen ganzen Forst entnadelt oder, wie jüngst im rhodesischen Wankie-Nationalpark, eine Elefantenherde hunderte von Quadratkilometern Savanne in einen Zustand versetzt, als sei ein Hurrikan hindurchgefegt. Im allgemeinen aber sind fruchtbare Regionen des Planeten begrünt, und die Gewächse übertünchen damit die erst in jüngster Zeit gewahr gewordene erhebliche Bedeutung der Pflanzenfresser für ihre Evolution und Verbreitung. Umgekehrt haben die Pflanzen wiederum wesentlich Entwicklung und Verhalten der Pflanzenfresser beeinflußt. Wenngleich diese Vorgänge sich nicht vor den Augen der Forscher abspielten, so lassen sich doch detaillierte Szenenfolgen des Ablaufs mit schlagenden Indizienbeweisen rekonstruieren.

So ist der distelfressende Esel bereits der Kinderbuch-Modellfall für einen doppelten Evolutionsschritt: Mit ihren lang- und derbstachligen Blättern verdarben die Vorfahren der Distel den Pflanzenfressern den Appetit. Es gereichte dem Esel zum Vorteil, daß er sich derlei stachlicher Kost anpaßte, denn dadurch erschloß er sich eine Nahrungsquelle, die ihm so leicht niemand streitig machte.

Die bedeutendsten Feinde der Landpflanzen aber sind die Insekten, die mit ihren verschiedenartig geformten Mundwerkzeugen Blätter und Stengel kauen, anbohren oder aussaugen. Die Pflanzen reagieren darauf mit einer bunten Vielfalt von Abwehrmethoden. Sie wachsen und blühen zu unterschiedlichen Jahreszeiten und begrenzen somit die Zeit eines möglichen Angriffs. Manche entwickeln einen nahrungsarmen Saft oder einen für Insektenbedürfnisse schlecht ausbalancierten Nahrungsgehalt des Saftes. Die Sechsbeiner wiederum haben Filtermechanismen erfunden, um dem Saft das wertvolle Eiweiß zu entziehen.