Von Karl Moersch

Calw

Manfred Hausmann war aus dem Norden herbeigeeilt, um in Calw an der Nagold Hermann Hesses 90. Geburtstag zu feiern. Hesse sei ein Verwegener, ein Tollkühner im Reiche des Geistes gewesen, sagte der Festredner den Lehrern und Schülern des städtischen Gymnasiums anläßlich der Umbenennung dieser Schule in „Hermann-Hesse-Gymnasium“.

Es scheint, daß Manfred Hausmann nicht nur ein empfindsamer Schriftsteller ist, sondern auch die Gabe der Diskretion besitzt. In den Berichten der örtlichen Zeitungen jedenfalls findet sich in der Wiedergabe seiner Laudatio kein Hinweis auf die Nöte, die es mit dem Verwegenen, Tollkühnen gegeben hat. Nur im Landesdienst der Deutschen Presseagentur hatte sich ein Berichterstatter erkühnt zu schreiben, noch vor zehn Jahren, am 80. Geburtstag Hesses, sei die Umbenennung der Schule von einer Mehrheit der Stadtväter wegen der besonderen Eigenschaften des einstigen Schülers Hermann Hesse abgelehnt worden. Das regionale Fernsehen verbreitete diese Nachricht zu günstiger Stunde, und so wird nun im schwäbischen Land von den Hesse-Verehrern gerätselt, was denn hinter der knappen Mitteilung aus Calw stecke.

Zunächst einmal dies: Die Calwer Stadtväter des Jahres 1967 sind klüger als die Gemeinderatsmehrheit des Jahres 1957. Sie haben zum 90. Geburtstag des vor fünf Jahren verstorbenen Nobelpreisträgers nicht nur das Gymnasium umbenannt, sondern eine ganze Hesse-Woche veranstaltet, sie haben zuvor schon eine Hesse-Gedenkstätte eingerichtet, um zu zeigen, daß zwischen ihnen und Hesse jetzt alles in Ordnung sei.

Einige unter den Stadtvätern hadern freilich, weil es Landsleute gibt, die über das Vergangene nachdenken und sogar darüber berichten. Sie möchten kein Wort mehr von jenen Konflikten hören, die Hesses langjährige Distanz zur Calwer Heimat begreiflich machen.

Als der Calwer Gemeinderat vor zehn Jahren die Umbenennung der Schule in nichtöffentlicher Sitzung mit der Begründung verwarf, der junge Hesse sei unbotmäßig gewesen, der Schüler Hesse also eigne sich nicht als Vorbild für die junge Generation, da blieben die tatsächlichen Motive für diesen Beschluß aber im Dunkeln. Warum aber soll eigentlich verschwiegen werden, daß der damalige Leiter des Gymnasiums bei Gemeinderäten gegen den Namen „Hesse-Schule“ protestierte, weil Hermann Hesse pornographische Bücher geschrieben habe, die er, der Herr Oberstudiendirektor, mit Rücksicht auf seine Gattin nicht in den häuslichen Bücherschrank stellen wolle? Und warum sollte verschwiegen werden, daß die schmähliche Legende von Hesse als dem „vaterlandslosen Gesell“ noch im Jahre 1957 manche Köpfe in Calw verwirrt hat?