Von Alexander Rost

Am Anfang gab es Kohlen für Kunst und Kunst für Kohlen; und weil jene Zeit, nicht nur an Jahren, der heutigen so legendenhaft fern liegt, sei noch einmal daran erinnert: Hamburger Schauspieler und Sänger nebst Intendanten, Dramaturgen und Inspizienten wärmten sich Hände und Füße an den „schwarzen Diamanten“ (welche Bezeichnung damals, in den Jahren 1946 und 1947, durchaus nicht hochtrabend klang). Kohlen, sonst für Geld und gute Worte nicht zu kaufen, allenfalls unter Risiken, die Genickbruch einschlössen, von Eisenbahnzügen zu klauen – für Hamburger Theater wurden sie vor allem von der Recklinghausener Zeche „König Ludwig“ geliefert.

Ein Hamburger Gewerkschaftsfunktionär und Theater-Enthusiast, Otto Burrmeister, sorgte für die nötigen Beziehungen, wie sie jedes Tauschgeschäft einleiteten. Freilich hatte er mehr als einen üblichen Kompensationshandel im Sinn. Wer heute in Otto Burrmeisters Aufsätzen blättert, spürt deutlich genug den spezifischen Kunstidealismus, der gerade Autodidakten aus der Arbeiterbewegung auszeichnete (und der, nebenbei bemerkt, unterschwellig seinen gerüttelten Anteil daran hatte, daß man die Ruhrfestspiele jahrelang als „Schiller-Festspiele“ titulieren konnte). Im Festspiel-Blatt des vergangenen Jahres schrieb Otto Burrmeister: „Ich gehörte zu einem Kreis hamburgischer Gewerkschaftler, die sich den Kopf zerbrachen, wie das deutsche Unglück zu wenden sei... Aus den Fragen, die wir uns damals stellten, drängte sich eine vor. Wir fragten uns, wie kann man die nationalsozialistische Katastrophe produktiv machen? Kann Leid produktiv sein?“

Zunächst aber, ungeachtet der Ideale und der Ideologie, war alles simpel und handfest. Um sich für die Kohlen zu bedanken, fuhren Hamburger Ensembles auf klapprigen Lastwagen nach Recklinghausen. Eine Bergmannskapelle machte Musik. In Archiven kann man noch Berichte feinnerviger Künstler aufstöbern: „Kaum war dieses Empfangszeremoniell vorüber, gab es für unsere ausgehungerten Mägen eine Verpflegung, die wir bis heute nicht vergessen haben ...“ Und weil’s so heiß war, spielte das Hamburger Opern-Orchester in Hemdsärmeln. Und mit vollem Bauch und von Beifall überschüttet und noch ohne Aussicht auf Währungsreform und Wohlstand, gab es gar keinen Zweifel, daß man wiederkommen müßte. So waren, im Sommer 1947, unversehens die Ruhrfestspiele entstanden. Das Ruhrgebiet war das Schlaraffenland.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund nahm die Festspiele in seinen kräftigen Griff, wobei anzumerken ist, daß Burrmeister nicht übertrieben hat, als er einmal von der „ungewöhnlich großen Freiheit“ sprach, die der Festspielleitung stets gelassen wurde. Was immer auch an richtigen, falschen, halbrichtigen Ideologien bei den Ruhrfestspielen auftauchte, in den Festreden vor allem, vom angestaubten „O-Mensch“-Expressionismus über „Der Mensch ist gut“ bis zur Attacke auf bürgerliche Exklusivkultur – die Festspielleitung unter Burrmeister wurde keinem gewerkschaftlichen Programm unterworfen.

Nach Kräften hat der Deutsche Gewerkschaftsbund dafür gesorgt, daß die Kasse stimmte. Dabei wurde durchaus etwas von der Wenn-schon-denn-schon-Einstellung deutlich, die man in Arbeiterhaushalten beobachten kann, sobald ein richtiges Fest gefeiert wird; da guckt man nicht starr auf die Lohntüte. Jedenfalls ist man großzügig bis zur Grenze des Großkopfetentums geblieben. Was das Geld angeht, immerhin.

In diesem Jahre werden die Ruhrfestspiele, wie Kenner schätzen, mit mindestens sechshunlion Defizit abgerechnet werden. Das wäre eine Lappalie, falls nicht ein künstlerisches Defizit hinzuzuzählen ist. Darüber aber kann man streiten, zumal die Ruhrfestspiele mit dem Wort Kunst allein nicht vollständig umrissen sind; kaum weniger werden in Recklinghausen Bildung und Kultur betont. Doch nie zuvor hat man lauter von Geld gesprochen als diesmal.