• „Historische Schätze aus der Sowjetunion“ (Essen, Villa Hügel): Rußlandreisende berichten in den höchsten Tönen von den sagenhaften Goldschätzen der Skythen, die sich in der Eremitage häufen. Wer nicht nach Leningrad reisen kann, fahre nach Essen. Berthold Beitz hat dem Botschafter Smirnow vor acht Jahren vorgeschlagen, auf Villa Hügel skythische Goldarbeiten zu zeigen, die russischen Archäologen haben das Thema aufgegriffen und zu einer Monstreschau ausgeweitet. 2000 Objekte aus 33 russischen Museen und wissenschaftlichen Instituten demonstrieren Geschichte und Kultur der Völker, die auf dem Gebiet der heutigen Sowjetunion gelebt haben. Da die meisten Objekte erst in den letzten Jahren ausgegraben wurden, will die Ausstellung auch als ein Leistungsbeweis der modernen sowjetrussischen Archäologie gewertet werden.

Trotz des Überangebots an Dokumentationen früher und entlegener Kulturen von Indien bis Altamerika, mit denen das deutsche Publikum in den letzten Jahren konfrontiert und erschreckt wurde, ist diese Darbietung eurasischer Kunst faszinierend, nicht nur für den archäologisch Vorgebildeten und nicht nur wegen des skythischen Goldes. Wer wußte bisher, daß im Südural Höhlenzeichnungen aus dem Jung-Paläolithikum gefunden wurden, Darstellungen von Mammut, Pferd und Nashorn, die sich mit den Zeichnungen von Altamira messen können, sie sind sinnigerweise in roter Farbe ausgeführt und in Kopien ausgestellt. Man sieht, im Original, wundervolle Beispiele frühgeschichtlicher Kleinplastik, Tierskulpturen und stilisierte weibliche Idole. Um die Mitte des 1. Jahrtausends v.u.Z. treten endlich die Skythen auf den Plan, nomadisierende Reiter, deren phantastische und exzentrische Kunst Völkerkundler mit dem Gebrauch von Hanf als Rauschmittel in Verbindung bringen. Die legendären Gold-, Silber- und Bronzearbeiten stammen aus den Fürstengräbern.

Künstlerisch mindestens ebenbürtig sind die skythischen Holzschnitzereien. Der skythische Tierstil ist kraß realistisch und ornamental. Der Kopf eines Raubvogels wird auf Auge und Schnabel reduziert. Der Kopf eines Rentiers endet in einer Rosette. Der Vogel Greif, der mit den Skythen von Vorderasien nach Sibirien gelangte, hält einen Hirschkopf im Schnabel, Kamm und Ohren des Greifes sind aus dickem Leder geschnitten und abnehmbar. Man kann, nach dem Untergang der Skythen, an exquisiten Beispielen verfolgen, wie griechische und römische Einflüsse über das Schwarze Meer in den Norden vordringen. Die Ausstellung endet bei den spätmittelalterlichen Ikonen, die Auswahl steht über dem Niveau mitteleuropäischer Ikonensammlungen.

Bevor sie nach Essen kamen, waren die sowjetischen Schätze mit ungewöhnlichem Erfolg in Den Haag, Zürich und Rom zu sehen. Auf Villa Hügel bleiben sie bis zum 28. August.

„Piero Gilardi“ (Köln, Galerie Rudolf Zwirner): Natur als farbiger Abklatsch, dreidimensional, aus Schaumgummi, an der Wand aufzuhängen, überm Kamin, in der Werkskantine. Fünf Quadratmeter Meereswogen mit den obligaten Möwen überm Gummischaum. Ein Stück Waldboden mit Baumstämmen, Moos, Farnkräutern, Pilzen Das Holz sieht so echt aus, man greift danach, das Holz läßt sich zusammenpressen und wird zum Schwamm, Früchtestilleben, reife Melonen. Auf die Großstadtemblematik der amerikanischen Pop-Artisten antwortet der Italiener mit einer aus Kunststoff ausgeschnittenen und illusionistisch geformten Pseudonatur. Gilardi blickt, nach eigener Aussage, ins kollektive Unbewußte – Sehnsucht nach Mutter Natur – und in seine Kindheitserinnerungen – Ausflug ins Grüne. Man kann die Teppiche aber auch als originellen, lustigen, dekorativen Wandschmuck akzeptieren. Sie waren vorher in Paris (Galerie Sonnabend) und in Hamburg (Galerie Neuendorf). Bei Rudolf Zwirner bis Mitte August. Eine Amerikatournee ist vorgesehen.

Gottfried Sello