Von Werner Thieme

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde, ausgehend von der neugegründeten Universität Berlin, die Habilitation an den deutschen Universitäten eingeführt. Zuvor waren alle Doktoren berechtigt und verpflichtet, Vorlesungen an ihrer Universität zu halten. Jedoch waren alle Doktoren dazu weder fähig noch willens.

Mit der Habilitation wurde unter den vorhandenen Doktoren eine Qualitätsauslese getroffen, die der deutschen Universität sehr zugute gekommen ist. Die Leistung der deutschen Universität im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert beruht weitgehend auf dem Zwang zur Qualifizierung der Universitätslehrer durch besondere Forschungsleistungen, eben: zur Habilitation.

Allerdings war die Habilitation in ihrem Funktionieren im System der Universität an bestimmte soziologische Voraussetzungen gebunden, an die freie Privatdozentur, an die Tatsache, daß Universitätslehrer im engeren Sinne nur die Ordinarien waren, und an die völlige Lernfreiheit der Studenten.

Diese Voraussetzungen sind heute weitgehend entfallen. Die freie Privatdozentur ist zwar nicht abgeschafft, spielt aber praktisch keine Rolle mehr. Die Habilitierten, die nicht Lehrstuhlinhaber sind, sind fast ausnahmslos entweder Assistenten oder beamtete Dozenten oder gehören dem sogenannten habilitierten Mittelbau an. In dieser Funktion sind sie in den Lehrbetrieb eingegliedert und haben feste Funktionen, die zwar oft nicht im formellen Organisationsgefüge beschrieben sind, aber trotzdem überall bestehen.

Die Studenten sind nicht mehr in dem Maße frei wie früher. In vielen Fakultäten stehen sie unter einer planmäßigen Führung und Anleitung. Diese Tendenz wird sich noch verstärken, nicht nur, weil der Wissenschaftsrat das so vorgeschlagen hat, sondern weil für jedermann einzusehen ist, daß die Universität angesichts der Notwendigkeit, einen ständig wachsenden Wissensstoff zu vermitteln, mit rationelleren Methoden der Wissensvermittlung arbeiten muß als im 19. Jahrhundert.

Sind danach die soziologischen Voraussetzungen für das Habilitationsverfahren entfallen, so ergibt sich daraus noch nicht automatisch die Folgerung, die Habilitation sogleich über Bord zu werfen, wenn noch die Möglichkeit bestünde, sie als Qualifikationsverfahren für die Spitzenstellungen im Lehrkörper der Universität einzusetzen.