Von Josef Müller-Marein

Von fünf deutschen Kardinälen zu sprechen, wie dies anläßlich der Ernennung des Erzbischofs von Berlin, Dr. Alfred Bengsch, geschah, ist nicht korrekt. Entweder zählt Kardinal Bea nicht dazu, der mit Frings (Köln), Döpfner (München) und Jäger (Paderborn) genannt zu werden pflegt, denn er residiert in Rom; oder es gibt sechs deutsche Kardinäle. Denn der Papst hat soeben auch den Erzbischof von Sucre, den Primas von Bolivien, Josef Clemens Maurer, in den Kreis der Kardinäle berufen: einen Deutschen, einen Saarländer aus Püttlingen. Dieser hat denn auch auf der Rückreise aus Rom kurz Einkehr in seinem Heimatstädtchen gehalten, wo ihm die Ehrenbürgerschaft zuteil wurde und wo er erklärte: „Ich habe meine Aufgabe als Missionsbischof der Indios in Bolivien nur dank der Hilfe aus der Heimat erfüllen können. Unserer Heimat zukünftig Ehre zu machen – auch das ist mein Ziel.“

Es schickt sich also, bei der Beschäftigung mit Alfred Bengsch, diesen anderen neuernannten deutschen Kardinal nicht zu vergessen, der übrigens einer alteingesessenen saarländischen Bergmannsfamilie entstammt. Kardinal Bengsch ist der Sohn eines Berliner Postbeamten. Den einen verschlug sein priesterliches Amt in die Ferne, der andere wurde der Kirchenfürst in seiner Heimatstadt. Dies hält Kardinal Bengsch, der, wenn er will, berlinisch spricht, wie nur echte Berliner es vermögen, für ein großes Glück, eine „selige Last“.

Bengsch, am 10. September 1921 geboren, ist der „Benjamin“ unter den hundertzwanzig Kardinälen der römischen Kirche, zugleich der „Recke“ – bei mehr als ein Meter neunzig Körpergröße. Es scheint, daß der Papst ihm besonders gewogen ist. Als Bengsch Ende Juni in Rom war, um mit dreiundzwanzig anderen Kardinälen die neue Würde entgegenzunehmen, wies ihm Paul VI. als römische Titel-Kirche das Gotteshaus des Heiligen Filippo Neri an. Und dies ist gewiß nicht ohne symbolischen Bezug.

Neri wird gern als der „Lieblings-Heilige Goethes“ zitiert. In der Tat hat Goethe sich mit diesem Gottesmann beschäftigt, der in einer sehr bewegten Zeit, der Renaissance, seine Ordensbrüder zum Kampf gegen das zivilisierte Heidentum und gegen Armut, Hunger, Unterdrückung einsetzte und sich dabei so „weltlich“, so unerschrocken, ja, so originell verhielt, daß er seine Zeitgenossen und seine Kirchenoberen unablässig schockierte. Und soweit ein Heiliger humorvoll sein darf („Humorist unter den Heiligen“, so lautet ein anderer Titel Neris), war er es sicherlich.

Das alles paßt nicht schlecht zum jungen, modernen, weltzugewandten Berliner Kardinal Bengsch, der vermutlich jetzt, nach seiner Rückkehr aus Rom, zu Neris Lebensbeschreibung aus der Feder zweier französischer Patres greifen wird. Leider gibt es keine deutsche Übersetzung dieses erstaunlichen, ebenso frommen wie vergnüglichen Buches. Und eine Szene, über die man lachen mag, „weil’s zum Heulen nicht reicht“, hat sich denn auch diesmal in Rom abgespielt: Mit dem Kardinal erschienen sechzehn Männer und Frauen, Priester und Laien aus Ostberlin und der DDR: die waren via Prag und Wien gekommen, und ebenso viele aus Westberlin; die hatten den Weg über die Bundesrepublik genommen. In Rom also trafen die Angehörigen der gemeinsamen Diözese, die sich von der Oder bis. zur Spree und Havel erstreckt und ganz Berlin umfaßt, zusammen.

Kardinal Bengsch wohnt in Ostberlin, wo er vor Jahren schon für die Restaurierung der St. Hedwigs-Kathedrale sorgte. Drei Tage in der Woche verbringt er regelmäßig in Westberlin. Er bleibt ungeschoren, wenn er die offiziellen Lücken in der Mauer passiert; man scheint ihn „drüben“ zu respektieren, seit er gewaltig Krach schlug: das war 1959.