Von Rudolf Walter Leonhardt

Wie alle ostwärts über den Atlantik Fliegenden durch die Erddrehung um ihre Nachtruhe betrogen, kamen sie am Dienstag morgen um acht (für sie war es nachts um drei) auf dem Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt an: 120 aus der stolzen Schar von 350, die ausgezogen war, den Amerikanern zeitgenössisches Musiktheater vorzuführen.

Zwar hatte die Lufthansa im Programmheft des Lincoln Center geworben „Jetzt können Sie nonstop nach Hamburg jetten – keine Zwischenlandungen mehr, kein Flugzeugwechsel, keine Verzögerungen“. Das sollte für die Besucher der Hamburgischen Staatsoper gelten; für die Mitglieder dieses Ensembles galt es offensichtlich nicht. Sie landeten zwischen, sie wechselten das Flugzeug, ihre Ankunft in Hamburg wurde um drei Stunden verzögert.

Man vertrieb sich die Zeit mit müdem Humor. Das neueste Heft des Spiegels machte die Runde. „Sexy müßte man sein oder naß“, klagte eine. Dann, sollte das wohl heißen, wird man auch im Spiegel abgebildet wie Anneliese Rothenberger (als Lulu sexy) oder Tatiana Troyanos (nach kühnem Sprung in einen Swimming-pool naß).

Man hätte gern Anstoß genommen. Aber der Bericht war fehlerlos. Nur eins stimmte nicht ganz. „...die explosive Rassenoper ‚The Visitation‘ des Amerikaners Gunther Schuller reizte bei ihrer US-Premiere zu Mißfallenskundgebungen. Der Komponist wurde vom Rang ausgepfiffen ...“ Bei der zweiten Aufführung jedoch, so hätte es weitergehen müssen, gab es nur jubelnden Enthusiasmus.

Aber ehe das am Sonntagabend (2. Juli) geschah, hatte Spiegel-Redakteur Felix Schmidt – einer der drei deutschen Journalisten, deren Zeitungen es als der Mühe wert befunden hatten, das Auftreten der Hamburger in Nordamerika zu „covern“ (die anderen beiden: Hamburger Abendblatt und ZEIT) – schon an die heimische Arbeitsstätte zurückkehren müssen, und war der Spiegel bereits auf dem Wege zu den Händlern.

Wie und warum es geschah, aus welchen Gründen Schullers Oper an dem einen Abend glatt durchfiel und nur vier Tage später jubelnd gefeiert wurde, wird nie ganz geklärt werden.