Auto ade

Von Horst Krüger

Eine Liebe, die einmal heftig war, ist verloschen. Seit geraumer Zeit schon beobachtete ich bei mir, wie sie abflaute und erlahmte. Und ich hatte doch, als sie vor fünfzehn Jahren begann, allen Grund, sie für stabil und verläßlich uu halten. Ich meinte damals, sie würde mein ganzes Leben begleiten – stets in Hochglanz. Ich meine die Autoliebe, meine Autoliebe der frühen fünfziger Jahre.

Sie war mir ewig jung erschienen, präsentierte ich im Sommer, wenn die internationalen Salons in Genf, in Paris und Frankfurt ihre neuen Modelle vorstellten, mit atemberaubenden Schönleiten. Man konnte sich da schon verlieben in diese kraftvollen und eleganten Modelle, die die Italiener, die Franzosen, die Engländer und auch die Deutschen als ihre neuesten Schöpfungen vorstellten.

Die Männerwelt, so haben uns Psychologen aufgeklärt, unterhält ein durchaus erotisches Verhältnis zum Auto. Ich kann dem schwer widersprechen. Rückblickend bekenne ich, daß ich all diese Benzinvehikel, die ich besaß, nicht nur gekauft und gefahren habe; in irgendeinem Winkel meines Unbewußten habe ich sie auf eine zärtliche und törichte Weise auch geliebt – wie jedermann wohl. Ich schäme mich nicht, mich diesem Kollektivschema einzuordnen, jawohl, und dies nicht ohne Lust: Es hing da immer etwas Seele dran.

Wenn nicht alle Zeichen der Zeit trügen, so ist es aus mit dieser Liebe. Das zärtliche Spiel geht zu Ende; und ich sehe ihn kommen: den Tag der Scheidung. Abschiedssentimentalitäten melden sich nicht. Die dröhnenden Treueschwüre unserer pubertierenden Schlagerhelden wollen sich nicht einstellen. „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht!“ Solche Beschwörung signalisiert nicht meinen Fall, den Fall eines Bundesbürgers, der sich von seiner alten Liebe, dem Auto, trennen möchte. Nicht von dieser oder jener Marke, nicht von diesem oder jenem Typ, sondern von diesem Ding überhaupt.

Ich bin es leid, ich mag es nicht mehr. Das Auto, des Bundesbürgers liebstes Kind, wird ausgestoßen. Es bleibt nur die Frage, ob ich ein Einzelfall bin oder sich in mir vielleicht ein neuer Entwicklungsstand unserer Konsumgesellschaft ausdrückt.