Auf die geplante Ergänzungsabgabe bei den Ertragssteuern und auf die Einkommensteuer jener Leute, die in erster Linie als Wertpapierkäufer in Frage kommen, hat man an der Börse überraschend „besonnen“ reagiert. Niemand zweifelt zwar daran, daß diese aus Gründen der angeblichen sozialen Gerechtigkeit vorgenommene Steueraufstockung dem Ziel der Konjunkturbelebung zuwiderläuft, doch wurde in den Börsensälen vielfach die Ansicht vertreten: Es hätte noch schlimmer kommen können.

Sofort richtete man den Blick wieder nach vorn. Genauer gesagt, auf das Konjunkturankurbelungsprogramm Nr. 2. Wenn auch heute noch nichts Genaues über die Verteilung der dafür vorgesehenen Milliarden gesagt werden kann, so scheinen sie diesmal zu einem wesentlichen Teil der Bauwirtschaft – und damit indirekt auch der Eisen- und Stahlindustrie – zuzufließen. Beide Branchen werden, so wird vermutet, die Hauptnutznießer der erheblichen Staatsverschuldung sein.

Der spekulative Teil des Bankenpublikums hat damit begonnen, sich für Aktien der Eisen- und Stahlkonzerne zu interessieren, weil hier ähnlich wie zu Beginn dieses Jahres kurzfristig Kursgewinne für möglich gehalten werden. Daneben kümmerte man sich vorsichtig um die Aktien einiger Baugesellschaften und um die der Zementfabriken.

Die eigentlichen Aktiensparer – längerfristig disponierend – wandten sich weiterhin den sogenannten konjunkturunempfindlichen Branchen zu. Dazu zählt seit langem die Elektroversorgungsindustrie, deren Aktien teilweise in der abgelaufenen Woche neue Jahreshöchstkurse erreichten. Beim Spitzenpapier dieser Branche, der RWE-Aktie, geht der Anstieg allerdings nur sehr langsam vonstatten, da der Berufshandel einige Beträge vorgekauft hat und sich jetzt von ihnen löst und weil offensichtlich einige Kommunen ihren Geldbedarf durch den Verkauf von RWE-Aktien zu lindern trachten.

Neuerdings gelten auch die Aktien der Geschäftsbanken als weitgehend konjunkturneutral, wenngleich in diesem Jahr wohl auch bei ihnen ein leichter Gewinnschwund einsetzen wird. Andererseits ist der angekündigte Fortfall der umstrittenen Steuerprivilegien der Sparkassen durchaus geeignet, die Wettbewerbsposition der privaten Banken zu stärken. Da auch den Hypothekenbanken die bisher für ihr langfristiges Geschäft gewährten Steuervorteile genommen werden sollen, tritt bei ihnen wahrscheinlich eine Ertragsverschlechterung ein, der man jetzt durch entsprechende Kurskorrekturen Rechnung zu tragen sucht.

Auf dem Rentenmarkt hat sich die Nachfrage nach steuerfreien Pfandbriefen verstärkt. Zeitweise waren auch die Sparkassen, die sich bisher wegen ihrer Steuervergünstigungen von diesen Papieren fernhielten, als Käufer im Markt. Die zu erwartenden Steuererhöhungen haben das Privileg der Steuerfreiheit für Zinserträge wertvoller gemacht. Dafür muß ein entsprechender Preis gezahlt werden. K. W.