Nachdem sich die Reiseveranstalter Scharnow, Touropa und Hummel in den vergangenen Monaten zu einem großen Unternehmen zusammengeschlossen haben, steht nun die Aufnahme eines vierten Partners, der Dr.-Tigges-Fahrten (Wuppertal), bevor. Dem renommierten Familienunternehmen fällt die Entscheidung zur Aufgabe seiner Selbständigkeit jedoch nicht leicht. Lange hat man den Markt abgetastet in der Hoffnung, durch eine lockere Co-Operation mit einer Gesellschaft vergleichbarer Größe die Eigenständigkeit voll bewahren zu können.

Denn bereits seit 40 Jahren verkauft der Firmengründer Dr. Hubert Tigges seine Urlaubsangebote mit besonderer Note. Im Genre hochwertiger Reisen und Studienfahrten hat er seinem Unternehmen einen Namen gemacht. Als Pionier im Flugtourismus hat die Firma früher als die Konkurrenten die Chancen und Risiken im Geschäft erfahren.

Mit einem Umsatz von 36 Millionen Mark bei 55 000 verkauften Reisen (darunter 32 000 Flugreisen) eroberte die Gesellschaft im vergangenen Jahr den fünften Platz in der Reihenfolge der großen Reiseveranstalter der Bundesrepublik.

Stellt man in Wuppertal die Frage, warum man trotz dieser Erfolge einen Anschluß sucht, wird man auf die Zukunft verwiesen. Tatsächlich müssen sich die Dr.-Tigges-Fahrten gegenüber dem Goliath Scharnow-Touropa-Hummel mit über einer Million verkaufter Reisen im Jahr 1966 wie ein Zwerg vorkommen. Und nachdem mit dem Erwerb der Transeuropa durch das Versandhaus Quelle der letzte anerkannte überregionale Flug Veranstalter als möglicher Partner ausgeschieden ist und die Versandhäuser Quelle und Neckermann ihre eigenen Wege gehen, blieb – von zwei Auslandsangeboten abgesehen – praktisch keine andere Wahl. Hinzu kommt, daß die jüngsten Ereignisse, die Abstürze einiger ausländischer Charterflugzeuge, die Nahost-Krise und nicht zuletzt die schwankende Konjunktur, den Flugreiseboom gedämpft haben. Diese Entwicklung macht besonders den mittelständischen Reiseveranstaltern die Grenzen des Risikoausgleichs deutlich. Die Kapitaldecke der in Nordrhein-Westfalen besonders stark vertretenen Dr.-Tigges-Fahrten ist zu knapp, um überregional zu expandieren, um Werbekampagnen großen Stils zu starten und ein mögliches Krisenjahr ohne weiteres zu überstehen. Vor allen Dingen beim Chartern von Flugzeugen, beim Einkauf von Hotels wäre man einem großen Konzern unterlegen. Das gilt um so mehr, wenn das Konzentrationsstreben auch unter den Chartergesellschaften Platz greift.

Bislang haben sich die Dr.-Tigges-Fahrten auf die sehr zuverlässige, in Düsseldorf stationierte LTU (Lufttransport-Unternehmen) stützen können. Ähnlich wie bei der Südflug und der Bavaria, die, anders als die Condor, über keine finanzielle Rückenstärkung durch eine Linienfluggesellschaft verfügen, ergeben sich für die Charterfluggesellschaften durch die Anschaffung kostspieliger Düsenflugzeuge erhebliche Finanzierungsprobleme. Nicht ohne Grund wird in Fachkreisen seit langem die Kapitalbeteiligung der Lufthansa an der Südflug erwartet, nachdem Touropa und Scharnow vor Jahresfrist erkennen ließen, daß sie ihre Beteiligung (50 Prozent) an der Südflug gern abgeben würden. Bislang hat der auf seine Selbständigkeit bedachte Südflug- Chef Bückle seine Unabhängigkeit wahren können. Die Lizenzen für die Amerikaflüge sowie die Anschaffung modernster Düsenmaschinen haben den Wert seines Unternehmens und sein Selbstbewußtsein offenbar beträchtlich erhöht.

Doch fragt man sich, wie lange dauert es, bis auch bei den Bedarfsfluggesellschaften angesichts der Finanzierungsprobleme und der wachsenden Risiken und der Zusammenschlüsse der Reiseveranstalter die Neigung zur Konzentration wächst.

Dann wird es für ein Unternehmen wie die Dr.-Tigges-Fahrten noch schwerer sein, seine Selbständigkeit und seine früher gepflegte, heute eher als hinderlich empfundene Exklusivität zu wahren. Jedoch heute schon, das heißt vor der endgültigen Anlehnung an den Scharnow-Touropa-Hummel-Konzern, wird man in Wuppertal prüfen müssen, ob man den Werbeslogan vom „Reisen in guter Gesellschaft“ nicht durch „Reisen in großer Gesellschaft“ ersetzen muß. WW