Berlin‚ im Juli

Berliner Sommer 1967. Eine Neurose geht um. Der Ruf nach dem Psychiater wird laut. Zunächst als Notruf eines verzweifelten Richters in Moabit. Landgerichtsdirektor Dr. Schwerdtner brach den Prozeß gegen die mutmaßlichen potentiellen Brandstifter der „Kommune 1“ mit der Entscheidung ab, die Studenten Teufel und Langhans müßten neurologisch und psychiatrisch untersucht werden. Beschuldigter Teufel – er bekennt sich zu seinen Neurosen –, pflichtete dem Vorsitzenden bei. Nur bat er sich aus, daß sich das Gericht gleichzeitig einer solchen Untersuchung unterziehe.

Daß mit den Normierten wie mit den Abweichlern etwas nicht stimmt, dieser Verdacht war dringend. Da saß ein Staatsanwalt wie aus dem „Simplizissimus“ auferstanden und versuchte mit unbewegbarem Gesicht, den schwarzen Jux, den sich die Kommunarden aus dem Brüsseler Kaufhausbrand gemacht hatten, in eine Aufforderung zum Kapitalverbrechen umzudeuten. Vier professorale Gutachter von Rang konnten ihm den Unterschied zwischen Satire und Aufforderung zur Brandstiftung nicht weismachen.

Die Angeklagten indes trieben ihre Scherze mit dem ehrenwerten Gericht. Da fragte der Richter arglos nach den sexuellen Schwierigkeiten der Angeklagten, von denen er gelesen habe, und mußte sich die beinah ebenso arglose Gegenfrage gefallen lassen, ob er etwa keine habe. Da schrak der Vorsitzende zusammen, als ein Aktenkoffer in den Gerichtssaal getragen wurde, und nur mühsam konnte der Verteidiger ihm klarmachen, daß er nichts als Beweismaterial enthielte.

Mut und Muße zum Rechtsprechen fand das Gericht dabei nicht. Und auch der Staatsanwalt war schließlich froh über die Möglichkeit, die Angeklagten vorerst aus dem Gerichtssaal auf die Psychiater-Couch verlegen zu können. Das böse Spiel beenden konnten sie damit freilich nicht. Das Häuflein der sieben „Horror“-Kommunarden, liebevoll von den Berlinern zum Popanz hochgepäppelt, hat sich zu Frankensteinschen Dimensionen ausgewachsen und frißt und frißt von seiner Lieblingsspeise: Autorität.

Es ist ein heißer Sommer in Westberlin. So heiß, daß Polizeipräsident Duensing zeitweise sein Gedächtnis verlor. Der parlamentarische Untersuchungsausschuß, der neben den Gerichten sich mit der Aufklärung der Vorfälle des 2. Juni quält, kann aus den vielen Widersprüchen den vorgesehenen Zwischenbericht nicht erstellen. Daß Demonstranten und Polizisten an jenem Abend Unterschiedliches wahrgenommen haben, ist verständlich. Daß sich die leitenden Polizeibeamten nicht einmal über Form und Ablauf des Einsatzes vor der Oper nachträglich einigen können, ist schwerer erklärbar. Verschiedentlich konnte der Ausschuß Polizeioffizieren eindeutig nachweisen, daß sie den Parlamentariern die nackte Unwahrheit sagten. Doch warum sollten die Beamten viel pingeliger sein als ihre höchsten Chefs? So mußte dem Polizeipräsidenten erst ein Untergebener vorhalten, daß er selbst den Befehl zur bevorzugten Behandlung der prügelnden „Jubelperser“ gegeben hatte. Die Erklärung Duensings für seine falsche Aussage: „Wenn ich was anderes gesagt habe, so lag das daran, daß es an diesem Sonntag sehr heiß war.“

Noch kaltschnäuziger freilich gab sich gegenüber den Abgeordneten der Senatsrat Prill, dem in der Innenbehörde die Polizei untersteht. Er rechtfertigte den Einsatz ziviler „Greiftrupps“ gegen die Demonstranten mit einem Beschluß des parlamentarischen Sicherheitsausschusses. Darauf hingewiesen, daß ein solcher Beschluß nicht existiert, meinte er: Die Protokolle dieses Ausschusses würden eben seit Jahren nicht richtig geführt. Prill ist noch im Amt und Duensing nur beurlaubt.

Kai Hermann