Von Hansjakob Stehle

Der Bukarester Regierungssprecher nahm das Gelächter der Journalisten in Kauf, als er auf die Frage, ob der rumänische Ministerpräsident Maurer nach Peking gereist sei, die Antwort gab, er habe in der internationalen Presse davon gelesen. Ob also die Reise stattgefunden habe, bohrte ein Journalist weiter. Die Antwort: „Das habe ich nicht gesagt.“ Diese Szene verrät, daß es für die Rumänen doch nicht so ganz einfach ist, zwischen Ost und West und zugleich zwischen den verschiedenen kommunistischen Lagern hin- und herzulavieren. Immerhin, die Rumänen tun es. Ministerpräsident Maurer ist in den letzten Wochen in Moskau, Washington, Paris und Peking freundlich empfangen worden. Kein anderer Politiker hat eine solch eindrucksvolle Reisebilanz aufzuweisen.

Das Selbstbewußtsein der Rumänen ist dadurch so gestärkt worden, daß ihnen die Gefahr der Selbstisolierung gering erscheint. Sie versuchen sogar, sich allmählich als Wortführer der „kleinen und mittleren“ Staaten zu etablieren. Freilich „ohne daß sich diese Politik gegen die Großmächte richtet“, versicherte in dieser Woche Ministerpräsident Maurer seinem Gast aus Wien, dem österreichischen Bundeskanzler Klaus.

Wird aber Rumänien in dieser Rolle von den Großmächten akzeptiert? Bisher blieb unbekannt, wie Mao den freundlichen Hinweis aufnahm, den der amerikanische Präsident dem rumänischen Regierungschef mit auf den Weg nach Peking gegeben hatte. Johnson hatte Mao wissen lassen, daß China „ein gerechter Platz in der Völkerfamilie“ zukomme. Manches läßt darauf schließen, daß sich Maurer damit den Chinesen weder als Vermittler im Vietnam-Krieg noch als Unparteilicher in der Nahost-Krise ernstlich empfehlen konnte. Sie brauchen Konflikte, nicht Kompromisse. Seit Tschu En-lais Rumänienbesuch im Mai letzten Jahres hat Peking ohnehin die Hoffnung aufgegeben, Bukarest neben Tirana zu seinem zweiten Stützpunkt in Europa machen zu können. Andererseits haben die Chinesen freilich auch kein Interesse, die Rumänen in die sowjetische Lagerdisziplin zurückzutreiben.

Auf seiner Reise nach Peking hat Maurer im sibirischen Omsk noch eine diskrete Zwischenlandung eingelegt. Auch das ist nicht untypisch. Der eigenwillige rumänische Kurs bedarf immer mehr der Rückversicherung bei allen weltpolitischen Rivalen.

In den Jahren 1959 bis 1966, seit Gheorghiu-Dejs vorsichtiger Abkehr von der Comecon-Zusammenarbeit bis zu Ceaucescus Absage an jede Art kommunistischer Internationale, war für die Länder des Warschauer Paktes fast nur der ideologische Stachel der rumänischen Ketzerei sichtbar. Seit Beginn dieses Jahres aber rüttelt der rumänische Eigensinn am politischen Fundament des sowjetischen Bündnissystems – wenn auch Ceaucescu (ähnlich wie de Gaulle) für den militärischen Ernstfall immer wieder Bündnistreue zusichert.

Zu Beginn des Jahres 1967 trat der politische „Ernstfall“ ein. Durch die bedingungslose Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Bonn verletzte Rumänien zum ersten Mal die Bündnissolidarität sehr empfindlich. Auf der Warschauer Außenminister-Konferenz verhinderte es gemeinsame Beschlüsse, von der Karlsbader Konferenz über europäische Sicherheit blieb es überhaupt fern und schließlich – Höhepunkt der Kühnheit – fuhr Maurer am 9. Juni zwar nach Moskau, verweigerte jedoch die Unterschrift unter die kommunistische Nahost-Erklärung.