Von Hilke Schlaeger

Seit einigen Tagen besitze ich eine rubinrot strahlende Plakette, Durchmesser zwei Zentimeter, darauf leuchtet in Gold der Kopf des Vorsitzenden Mao; auf der Rückseite steht etwas Chinesisches – was, das konnte man mir nicht sagen. Ich bekam das Abzeichen nach nächtlicher Unterhaltung im Frankfurter Club Voltaire geschenkt, dem Treffpunkt akademischer Jungsozialisten und teilweise recht malerischer Jakobiner.

Wir hatten ein teach-in hinter uns gebracht, bei dem Rudi Dutschke, Chefideologe des Berliner SDS und mittlerweile zum Missionar für die Politisierung der westdeutschen Studenten aufgerückt, seine Theorie vom Zusammenhang zwischen der nachlassenden Konjunktur und zunehmenden Zwangsmaßnahmen der Studienreform vortrug, ankündigte, daß zu Beginn des nächsten Semesters Berliner Studenten und Schüler die Auslieferung der Springer-Zeitungen für einen oder mehrere Tage zu verhindern gedächten, und dann zu einer Versammlung mit Berliner IG-Metall-Vertrauensleuten enteilte, nicht ohne vorher davon abgeraten zu haben, sich allzuviel mit der Arbeiterschaft einlassen zu wollen.

„Rudi Dutschke tut nicht tatsächlich das, was er sagt – zu seinem Vorteil“, so kommentierte Otto Negt, Assistent am Institut für Sozialforschung in Frankfurt und einziger Vertreter der Universitätshierarchie an diesem Abend, den scheinbaren Widerspruch. Wie es mit der Solidarität zwischen Arbeitern und Studenten steht, erzählte er auch gleich: Es gäbe da eine Grußadresse eines Berliner Betriebs an die Studenten; aber der Betrieb wolle nicht genannt sein.

Anlaß des teach-in: der Frankfurter AStA hatte zusammen mit einigen Hochschulgruppen zu einer Hochschulwoche aufgerufen. Man befaßte sich mit dem „Notstand der Hochschule“, mit der Frage, wie Studenten ihre Interessen mit Erfolg vertreten könnten, mit der Beteiligung der Lernenden an der Verwaltung der Universität.

Zwar darf man immer noch nicht annehmen, überwältigende Mengen von Studenten seien plötzlich von politischem Engagement durchdrungen. In Frankfurt hatte Rudi Dutschke nicht ganz unrecht mit seiner Bemerkung, es sei kennzeichnend für die „Bewußtseinslage“ der meisten Studenten, daß sie nach dem „Konsum einer gewissermaßen öffentlich gewordenen Persönlichkeit“ den Saal verließen: Die Hälfte der Zuhörer verschwand, als Dutschke sein Referat gehalten hatte.

Immerhin blieben dreihundert. Und vielleicht waren die anderen auch nur enttäuscht; vielleicht hatten sie so etwas wie einen Massenhypnotiseur erwartet. Dutschke sieht nur aus wie Savonarola; seine Rede ist, wenn er nicht gerade auf Bonn zu sprechen kommt, eher einem Referat vergleichbar denn irgendeinem Propagandageheul, einem Referat allerdings, über dessen Inhalt sich wohl streiten läßt.