Von Eka von Merveldt

Als ich in Istanbul an Bord der „Nieuw Amsterdam“ kam, war die Kreuzfahrt rund um das Mittelmeer schon 14 Tage alt und in vollem Schwung.

Auf dem täglich herausgegebenen Unterhaltungsprogramm stand am nächsten Morgen fettgedruckt: „Orientalische Nacht – alle Passagiere werden gebeten, ab 17.30 Uhr in orientalischer Aufmachung zu erscheinen (echt oder nicht).“ Am Nachmittag wurden Requisiten für diese Nacht verteilt und „künstlerische und technische“ Anleitungen gegeben. Kostenlos, im Fahrpreis inbegriffen wie die Tasse Bouillon um elf Uhr auf dem Sonnendeck, wie das Kopje Koffie im Stuyvesant Café und im Rauchsalon, wie die Vorträge, Kinovorführungen, Unterhaltungskonzerte, wie Kabarett und das kalte oder warme Mitternachtsbüfett. Der geschäftige Vergnügungsbetrieb verwandelt den Ozeanriesen abends vollends in eine schwimmende Reeperbahn, amusement en masse. Wer dem entfliehen will, zieht sich in seine Kabine zurück. Hoch oben auf den Promenadendecks, unter der Kommandobrücke und den mächtigen Schornsteinen, waren nachts nur einzelne romantische Naturen zu finden, die auf das weite Meer hinausblickten, das silbern im Mondschein funkelte. Nicht ein Liebespaar. Eine Kette von bunten Lämpchen tauchte das Lidodeck vergeblich in Schummerbeleuchtung. Es war leer.

Der Trend der Schiffsentwürfe geht seit einem halben Jahrhundert dahin, zu erreichen, daß das Meer nicht wirklich da ist und die Elemente ohnmächtig sind: Die Größe der Kästen trägt dazu bei, die Stabilisatoren, die Klimaanlage; alle Fenster sind hermetisch verschlossen, und die offenen Promenadendecks hoch oben auf dem Dach des schwimmenden Hotels so weit entfernt vom Wasser, daß der Passagier fast nirgends mehr das Gefühl hat, er habe das feste Land wirklich verlassen. Ich traf einen leidenschaftlichen Schwimmer, der erst nach drei Wochen das große Hallenschwimmbad im Bauch des Schiffes gefunden hatte. Er glich dem Bürger einer Großstadt, der über sein eigenes Viertel, selten hinauskommt.

Der Aufenthalt in Istanbul hatte für die Kreuzfahrer nur wenige Stunden gedauert. Abends um sechs Uhr war das große, schöne Schiff, festlich über die Toppen geflaggt, angekommen, morgens um elf hatte es unter den Augen einer staunenden Menge, die sich am hohen Gitter der Absperrung des Freihafens drängte, wieder abgelegt. „Nur 17 Stunden in Istanbul, ein Drittel zumindest im Schlaf, ist das nicht ein bißchen knapp?“ fragte ich. Die Antwort kam von einem kleinen Dicken auf dem Sonnendeck mit fünfkarätigem Brillantring am kleinen Finger der Linken: „I wo, was wird denn viel zu sehen sein. Wieder Basare und Moscheen. Und die hab’ ich schon dicke.“ – „Ecco“, meinte der Geist Otto Julius Bierbaums, der mich umschwebte. (Dieselbe Antwort hatte er schon 1895 in Konstantinopel gehört, wo er sich allerdings noch 88 Stunden aufhielt auf seiner Yankeedoodle-Kreuzfahrt ins östliche Mittelmeer. Von ihm rühren die Worte: „Lerne Reisen ohne zu Rasen.“)

Das Reisen ist leicht gemacht, und so nimmt man es auch leicht. Einige der 600 Gäste dieser Luxuskreuzfahrt allerdings hörte ich murren, daß sie von dieser märchenhaften orientalischen Stadt, die überwältigt durch den Glanz ihrer Vergangenheit und verblüfft durch ihre geschäftige Gegenwart am geographischen Schnittpunkt von Europa und Asien, kaum etwas gesehen hatten.

Die „Orientalische Nacht“ aber brachte es ans Licht, daß die Zeit zu hastigen Einkäufen in den einladenden Basarstraßen verwandt worden war, die noch erinnern an das blühende Handwerk, das einst die halbe Christenheit und dann die orientalischen Eroberer mit Kostbarkeiten versorgte für Kirchen, Moscheen, Paläste und Frauen, die sich schmücken wollten. Auch an diesem Abend erschienen einige Damen in großen Roben und kostbarem Schmuck, doch auch viele im selbstgeschneiderten Gewand von vorgestern. In eine fremde Haut war nur ein kleiner Teil geschlüpft: Sultane und Scheichs, Haremsdamen, mehr unecht als echt, doch keine Eunuchen bevölkerten die Säle. Das Gefühl des Losgelöstseins, erotische Betriebsamkeit, Tanzlust tobte sich aus in dieser Nacht.