Von Marietta Riederer

Woher die Mode auch kam, aus Paris, Hamburg oder München, man kaufte, ihr willig gehorchend, Orange, Gelb, Lila, süßes Rosa oder giftiges Grün. Jedoch kaum in Saint Tropez angekommen, erschrecken die bunten Damen; denn wer Chic hat, trägt Schwarz (oder Marineblau oder Tropenbeige): Schuhe, Hosen, Miniröcke, Sportblusen, Pullis – alles ist schwarz, grell sind nur Kopftücher und Sonnenhüte. Und eben das war beabsichtigt: „Kauft bei uns – wir sind richtig! Saint Tropez ist der Umschlaghafen der europäischen Strandmode und immer ein Jahr voraus.“

Zwar gibt es auch dort sogenannte „T-Shirts“ (preiswerte Pullis aus Baumwolljersey) in sechzehn Farben; der letzte Schrei aber ist ein möglichst enger Pulli mit Ärmeln bis zum Ellbogen in Schwarz (oder Marineblau), wie ihn athletische Schwerarbeiter am Hafen oder in den Pariser Markthallen tragen. Es gibt auch „T-Shirts“ mit tellergroßen Löchern am Bauch oder mit aufgemalten Telephonnummern.

Selbst lange Hosen schwinden; neuer sind minilange Bermuda-Shorts zu Safari-Jacken und Pflanzer-Strohhüten. Das Minikleid ist beliebter als der Minirock, weil es praktischer ist: kindlich weit, smockgestickt, mit Ballonärmelchen, meist mit winzigen Mustern bedruckt.

Ferner: Schwarze gelackte Badeanzüge mit Gucklöchern und bis zur äußersten Grenze reichenden Rückendekolletés überrunden Bikinis. Mit dem „Frottier-Chic“ – Mini-Kittel, Hosen, Kleider und Sonnenanzüge aus Frottierstoff – liegt man in dieser Saison allerdings an jedem Strand richtig.

Auch die abendliche Mode wird in Saint Tropez gepflegt, seit Gunther Sachs in seinen Mic-Mac-Shops Haremshosen, lange Kaftane und Afrika-Kleider führt. Die Männer tragen statt des weißen Smokings „Mao-Jacken“ aus Baumwolle, Seide, rotem Samt. Sommerkarneval von Saint Tropez.

Auf Sylt hingegen, mitten im Farbengetümmel, sah ich dies: eine junge Dame mit marineblauem Pulli, marineblauen schmalen Hüfthosen, durch deren Schlaufen eine geblümte Herrenkrawatte gezogen war, als Gürtel. Das Kopftuch war ein weißes gestärktes Taschentuch, wahrscheinlich aus einem Herrensmoking. An den Füßen blütenweiße Tennisschuhe. Lehrreiche Erkenntnis: Chic muß nichts mit „aktueller Mode“ zu tun haben.