Nie zuvor haben so viele Menschen Tränen um den Tod eines Mannes vergossen, den sie nie gesehen hatten ... Es war, als hätten sie mit ihm einen Freund verloren, als wäre ihr Leben durch den Verlust ärmer und kälter geworden. Fremde auf den Straßen tauschten mitfühlende Blicke miteinander aus und gingen stumm ihres Weges weiter: ihr Schweigen sprach eindrucksvoller als jedes Rühmen am Grab – in der Tat, die Worte des Schriftstellers James Rüssel Lowell, Abraham Lincolns Ermordung betreffend, könnten sich in gleicher Weise auf jenen späten Nachfahren beziehen, dessen Tod ein großer CBS-Bericht in diesen Tagen noch einmal rekapitulierte.

Von acht bis halb zehn im Zweiten Programm ein Theaterstück über den 15. April 1864, von zehn bis halb zwölf im Ersten Programm ein Dokumentarbericht über den 22. November 1963; zuerst der Sterbetag Lincolns und dann der Sterbetag des John F. Kennedy; das Spiel der Phantasie, ein Drama Peter Lotars, konfrontiert mit dem kruden Report; philosophisches Räsonnement gegenüber nüchterner Tatsachendeutung – welche Gelegenheit für den Betrachter am Bildschirm, Beziehungen, Parallelen und Widersprüche zu analysieren, das Damals mit dem Jetzt zu vergleichen und als Schiedsrichter im Kampf zwischen der Fiktion und der Reportage entscheiden zu können: Wer von beiden kommt der Wahrheit am nächsten?

Im Göttinger Deutschen Theater bemühten sich die Akteure, von einer Rolle in die andere schlüpfend, von einer Handlungsebene auf die andere springend: Zuschauer, Statisten und Mitspieler in einer Person, den Lotarschen Rekonstruktionen der Ermordung Abraham Lincolns Profil zu verleihen. Die Idee des Stücks war nicht schlecht, die Komposition zeugte von Intelligenz und dramatischem Witz – aber der Bogen war zu weit gespannt, der Autor wollte zu viel, die Schatten Cäsars und Brutus’ und der Schatten Kennedys gaben dem Dramolett die Gewichtigkeit eines Mysterienspiels, Symbolik und Bedeutungsschwere widerstrebten der artistisch-leichten Konzeption des Stücks. Dazu ist Peter Lotar nicht gerade ein Meister der Sprache: unter der rasenden Sonne des Südens mögen sich Illustriertenromane aufs schönste entfalten, Theaterstücke hingegen werden sich dort nur selten entwickeln ... und das um so weniger, wenn der Verfasser dazu noch, inspiriert vom größeren Vorbild, wieder in Shakespearesche Floskeln verfällt und über Schein und Wirklichkeit zu meditieren beginnt.

Kein Wunder also, daß, wie schon so oft, die Reportage sich auch an diesem Abend als transparenter, wahrhaftiger, poetischer erwies und daß die Fiktion ein weiteres Mal der Phantasiekraft des Dokuments unterlag.

Dabei war der CBS-Bericht, eine kritische Analyse des Warren-Reports, keineswegs ingeniös, die Herren Kronzucker, Peletier und Heinz Werner Hübner taten gut daran, die Vier-Stunden-Sequenz (Teil 1: Die Augenzeugen berichten, Teil 2: Die These des Pathologen, Teil 3: Tippitts Ermordung, Teil 4: Die Schau des Staatsanwalts von New Orleans) energisch zu kürzen; an Wiederholungen fehlt es ohnehin nicht, auch nicht an staatserhaltendem Pathos und dem Weihrauch der Bürgermoral.

Aber was sagt das schon – angesichts des Schnappschusses 313 im Film des Mister Zapruder, angesichts der gespenstischen Lokalvisitation (die Bäume waren inzwischen gewachsen, neue Straßenschilder standen an der Elmstreet von Dallas) und angesichts der Aussagen von Weißen und Negern, die einem Schatten galten, der mit jedem beschwörenden Wort an Leben gewann, zum Mitspieler wurde – abwesend –, sehr viel präsenter als der agierende Märchen-Lincoln aus Göttingen war. Momos