Krautheim an der Jagst

Unterm 4. Mai 1966 ging dem Studenten Kern in Stuttgart eine Strafverfügung des Amtsgerichtes von Bad Cannstatt zu; das Gericht rügte: „Am Dienstag, dem 15. März 1966, gegen 21.30 Uhr wurde in Stuttgart-Bad Cannstatt durch die Polizei festgestellt, daß Sie am hinteren Kennzeichen Ihres VW S – CZ 240 eine nicht zugelassene und nicht vorgeschriebene Plakette angebracht haben. Diese Plakette ist rot, hat einen Durchmesser von etwa vier bis fünf Zentimeter und trägt die Inschrift ‚Leck mich im Arsch‘.“ Dies sei eine Übertretung, strafbar nach der Straßenverkehrszulassungsordnung in Verbindung mit dem Straßenverkehrsgesetz. „Wegen dieser Übertretung wird gegen den Beschuldigten eine Geldstrafe von 15 DM festgesetzt, bei Unbeibringlichkeit eine Haftstrafe von 1 Tag.“

Dieses Dokument eines Gerichtes, das den Kernspruch nicht geringfügig genug erachtete, das Verfahren einzustellen, war jetzt in einer Ausstellung der „Götzvon-Berlichingen-Academie zur Erforschung und Pflege des schwäbischen Grußes“ in Krautheim an der Jagst zu besichtigen. In jenem Städtchen ist der Kraftspruch, den ein Stuttgarter Polizeimeister philologisch korrekt protokollierte, in die Geschichte eingegangen. Denn die historische Wahrheit des Götzenwortes, das Goethe in dichterischer Freiheit nach Jagsthausen verlegt hat, ist, daß es nicht aus dem Fenster, sondern von unten nach oben gesprochen wurde: Der Ritter Götz von Berlichingen zog zu siebent unter das Schloß des kurmainzischen Amtmannes Max Stumpf? zu Krautheim, den er des Verrates bezichtigt hatte, brannte den Schafstall nieder – „Und hab gleichwol nit gern gebrennt“, hat er später in seiner Autobiographie bekannt –, in der Erwartung, den Amtmann damit zum Strauße fordern zu können. Doch dieser begnügte sich damit, Götz von sicherer Burg herab zu beschimpfen: Götz: „Da schrie ich wieder zu ihme hinauf: Er solte mich hinden leckhen!“

Der schwächliche Ausdruck mag enttäuschen. Götz-Forscher und Kenner schwäbischer, fränkischer und hohenlohischer Mentalität (alle drei Stämme beanspruchen den Götz für sich und praktizieren ihn auch rege) meinen jedoch, dieser halbherzigen Umschreibung werde sich Götz erst in seinen Memoiren, die er vermutlich einem Pfarrer diktiert habe, bedient haben; tatsächlich jedoch habe er wohl in Krautheim das Wort so ungebrochen gebraucht, wie es Goethe seinem literarischen Götz in den Mund gelegt habe – und dazu gänzlich ohne Pünktchen.

In solche Disputationsthemen versenkt sich liebevoll die seit den dreißiger Jahren emporgeblühte Afterwissenschaft, die an zwei Fakultäten betrieben wird: in dem Götzforschungsverein Lemia des Oberrichters a. D. Josef Frenken in Oelde in Westfalen und in der 1961 zustande gekommenen Götz-von-Berlichingen-Academie von Dr. Heinz Eugen Schramm in Tübingen.

Schramm hatte 1960 im Schnellschuß das Buch „LmiA“ produziert, an dem ursprünglich auch Frenken als tiefschürfender Kenner der Hintergründe zur Hälfte hatte mitwirken sollen. Die gemeinschaftliche Leckerei scheiterte jedoch. Schramm hielt einige Frenkensche Forschungsergebnisse über das Götzenwort als Abwehrzauber für wissenschaftlich zu gewagt und nicht genügend belegt; Frenken bestritt die Kompetenz von Schramm, der sich in die ganze Materie erst im Lemia-Archiv zu Oelde eingearbeitet habe, und nahm Anstoß an dem geplanten Buchtitel, laut dem die Bedeutung des Götzenwortes zwar „hinterrücks enthüllt von Josef Frenken“, jedoch „ins rechte Licht gerückt und bearbeitet und herausgegeben von H. E. Schramm“ sein sollte. Die Herren gerieten in die Lage, das Sujet kreuzweis in eigener Sache anwenden zu können. Als das Buch erschien, ohne übrigens Frenken auch nur im geringsten Erwähnung zu tun, schrieb ein Lemia-Freund: „Eine Rarität: geistiger Diebstahl am Arsch!“ Schramm jedoch beteuert, aus der Materialsammlung jegliches Frenken-Material eliminiert zu haben.

Inzwischen ist er auch mehr in die Tiefe des Gegenstandes eingedrungen; im Herbst soll das Buch bei Körner in vierter und grundlegend neuer Bearbeitung erscheinen, „worin der sogenannte ‚schwäbische Gruß‘ auf vorchristlichen Abwehrzauber zurückgeführt wird“. Vielen zur Hinterfotzigkeit aufgelegten Lesern hatte das erste LmiA-Buch eine Lektüre eröffnet, die sie der Aufforderung Schramms, weiteres Material beizusteuern, gern folgen ließ. Die Korrespondenz war derart umfangreich geworden, daß „schon im Frühjahr 1961 eine organisatorische Zusammenfassung nahelag“, die Götz-von-Berlichingen-Academie in Tübingen.