Das Dorf P., zwischen den Flüssen Leine und Wipper in der Nähe der Kreisstadt Worbis gelegen, macht einen verlassenen und trostlosen Eindruck. Im katholischen Pfarrhaus, wo ich Grüße zu übermitteln habe, wird offen geredet: Wir sind ein sterbendes Dorf. Vor zwei Jahrzehnten hatten wir über 4000 Einwohner, jetzt leben in P. noch 1800 Menschen, berichtet der Geistliche. „Unser natürliches Hinterland war Hessen und Niedersachsen; dann kam die Grenzziehung. Ulbrichts Sozialismus brachte uns keine Industrialisierung, nur ein paar hundert Frauen fanden Arbeit in einer neuen Spinnerei. Die Männer müssen täglich viele Stunden fahren, um ihre weit entlegenen Arbeitsplätze zu erreichen. Meine Gemeinde hat sich verlaufen. Viele wohnen heute im Rheinland und in Westfalen. Sicher war es für keinen leicht, seine Heimat zu verlassen, aber worauf sollten sie warten? –

Neulich sah ich Herrn Kiesinger im Fernsehen, er sprach über seinen Brief an Herrn Stoph. Ich begreife, daß es ihm schwerfällt, den Kommunisten zu schreiben, doch hätte er es viel eher tun sollen. Warum müssen Wochen vergehen, bevor man sich entschließt zu antworten? Sofort nach dem Eingang von Stophs Schreiben hätte er sich zum Besuch anmelden oder Stoph nach Bonn bitten sollen, um das Regime zu dekuvrieren!“

Pfarrer L. ist 57 Jahre alt. Er erzählt, daß die ihm anvertraute Gemeinde treu zum Glauben stehe, selbst die Mitglieder der SED kämen regelmäßig zur Beichte und in den Gottesdienst. Ein Postinspektor, Vater von fünf Kindern, sei kürzlich voller Not zu ihm gekommen. „Soll ich in die Partei gehen, nur um meine Kinder zu ernähren?“ habe er gefragt. „Man hat mir gedroht, wenn du nicht SED-Mitglied wirst, kannst du nicht befördert werden, ja, es ist fraglich, ob wir dich im Postdienst halten können nach den Parteitagsbeschlüssen.“ Ich habe dem Mann geraten, ‚treten Sie in Gottes Namen ein in diese Partei, jeder weiß, es bleibt Ihnen bei Ihrer Kinderschar nichts anderes übrig!

„Und sehen Sie meinen eigenen Fall...“ Pfarrer L. macht eine Pause, es scheint, als falle ihm dieser Bericht nicht leicht. „Seit vier Jahren bemühe ich mich, meinen Pfarrgarten mit dem Nachbargrundstück zu vereinen. Die alte Nachbarin will verkaufen, aber mit einem Trick verhindert das Katasteramt bis heute den Verkauf. Und der Rat des Kreises lehnte es ab, mir die Einfuhrgenehmigung für ein geschenktes Fertighaus aus Holz zu geben, das ich im Garten aufstellen will. Als ich vorgestern wieder beim Rat des Kreises vorstellig wurde, sagte man dort freundlich: ‚Herr Pfarrer, wenn Sie zur Wahl gehen würden, könnten Sie die Genehmigung in 24 Stunden erhalten. Auch mit dem Katasteramt könnten wir über die Auflassung des Grundstückes zum Verkauf an Sie sprechen.‘

Sie müssen wissen, seit 1946 bin ich nicht mehr zur Wahl gegangen. Diesmal werde ich es tun. Ich bin bald sechzig. Wem nutze ich, wenn ich diese Abstimmung meide? Ich kenne meine Gemeinde. Die schmunzeln nur. Jeder weiß, daß ich die Kommunisten überlistet habe.“ Schon unter der Tür stehend, sagte der Pfarrer noch: „Wundern Sie sich nicht, wenn Sie mein Bild in der Kreiszeitung entdecken. Die SED-Leute haben es einfach hineingesetzt mit der Erklärung darunter: ‚Auch Priester L. geht diesmal zur Wahl. Er gibt seine Stimme dem Frieden!‘“

Von Sondershausen kommend, fahre ich bei Sömmerda über die Unstrut. Posten der Nationalen Volksarmee und der Sowjetarmee, mit gelben Fähnchen kriegsmarschmäßig ausgerichtet, sperren die Straße in südlicher Richtung. Panzereinheiten und Pioniertruppen üben hier seit heute nacht, erzählt ein Bauer im Dorf V. „Die Russen haben hohe Alarmstufe, seit dem Krieg im Nahen Osten“, berichtet der Wirt im „Schwarzen Adler“. „Übrigens sind die Russen in den letzten Jahren erstaunlich rücksichtsvoll geworden. Sie müssen für jeden Flurschaden im Manöver aufkommen. Aber die NVA“, er schüttelt ärgerlich den Kopf, „freche junge Leute, die fahren rücksichtslos die eben befestigten Wege kaputt, zerwühlen mit den Panzern sogar die Hauptstraße. Blicken Sie mal hinaus, der Traktor dort mit dem Schneepflug als Räumvorrichtung, arbeitet schon seit früh an, nur um die Straße wieder befahrbar zu machen. Was für Geld uns diese Straße schon gekostet hat. Die verdammte Kriegsspielerei...“

Aber das Dorf V. hat noch ärgere Sorgen. Der Maschinenpark der LPG „Rotes Banner“ hat Schwierigkeiten mit den Ersatzteilen, fast die Hälfte sowjetischer Traktoren fällt wegen Reparaturbedürftigkeit zeitweilig aus. Ein erfahrener Traktorist war wegen der Ersatzteile erst nach Frankfurt, dann nach Berlin geschickt worden, ohne Erfolg. In einer Aussprache mit dem Traktoristenkollektiv, von der SED-Parteileitung und dem LPG-Vorsitzenden einberufen, fielen harte, kritische Worte. Der Mann, der in Berlin mit dem Großhandelskontor für Maschinentechnik verhandelt hatte, verlor die Beherrschung: „Wenn die da oben nicht einmal für ein paar lumpige Ersatzteile sorgen können, dann sind sie zu dämlich, um zu regieren. Die sollte man mal absetzen!“ Der Parteisekretär schloß die Versammlung.