Zur Sanktionierung bestehender Verhältnisse mußte in mythischen Zeitläuften das folgende Schema herhalten: Man projiziert des Menschen allzumenschliches Maß in die unbelebte Natur, um es dann als „ewige“ Ordnung oder „naturgegebene“ Norm wieder daraus abzulesen.

Denken dieses Stils ist indes kein abgesunkenes Kulturgut, es wirkt noch in den weltanschaulichen Auseinandersetzungen unserer Tage fort. Doch wird das dürftige Gerüst nun begrifflich kaschiert, um es als Erkenntnissystem glaubhaft zu machen. Weil es bloße Begriffshülsen sind, deren man sich bedient, bleiben dergleichen Lehren ebenso viel- wie nichtssagend, entziehen sich aber dadurch weitgehend einer rationalen Kontrolle. Erst unter dem Messer sprachwissenschaftlicher und historisch-genetischer Analyse geben Ideologien ihre Motive und Erschleichungen preis.

Damit ist in gröbsten Strichen das Modell einer Weltanschauungskritik angedeutet, wie es der Heidelberger Soziologe und Philosoph Ernst Topitsch bereits 1958 im Detail entworfen hat. Vorstufen zu seiner Theorie, vor allem jedoch Beispiele ihrer Anwendung sind in dem Band

Ernst Topitsch: „Sozialphilosophie zwischen Ideologie und Wissenschaft“; Luchterhand Verlag, Neuwied/Berlin; 363 S., kt. 19,80 DM, Ln. 24,80 DM

zusammengefaßt. Mit einer Klarheit und Stringenz, wie sie unter deutschen Wissenschaftlern nicht eben verbreitet sind, stellt Topitsch in zwölf Untersuchungen neben der Effektivität auch die Notwendigkeit einer ideologiekritischen „Entzauberung der Welt“ eindringlich unter Beweis. Arbeiten, die vor nunmehr fünfzehn Jahren entstanden sind wie diejenigen über die „Soziologie des Existentialismus“ oder über das „Wertproblem in den Sozialwissenschaften“ haben weder an Aktualität noch an Überzeugungskraft verloren, wenngleich der Verfasser selbst sie nicht mehr völlig befriedigend findet. „Motive und Modelle der Kantischen Moralmetaphysik“ bedürfen nicht weniger einer Durchleuchtung als die sich restaurierende Naturrechtslehre, weil man gerade hier durch Berufung auf Autoritäten oder altehrwürdige Traditionen die Kritik mundtot machen will. So wurde denn zum Problem des Naturrechts, aber auch zur Frage einer „Entmythologisierung des Marxismus“ je ein neuerer Beitrag in diese – erweiterte – zweite Auflage aufgenommen (die erste erschien 1958). In der Marxschen Theorie unterscheidet Topitsch nachdrücklich zwischen empirisch-relevanten Aussagen und ideologischen Pseudo-Einsichten. Diese, in den Begriffen „Entfremdung“ und deren „Aufhebung“ formuliert, entlarvt der Verfasser als Derivate mystisch-theologischer Vorstellungen von „Fall und Erlösung“. Zweifler an dieser Heilslehre würden als „Verblendete“ gebrandmarkt, und damit schlage, auch bei Marx, die Ideologiekritik selbst wieder um in Ideologie.

Diesem Schicksal entrinnt heute wohl nur, wer gleichsam zwischen allen Stühlen sitzt, weder zur Clique der „Abendländer“, der „Marxisten“ noch der „empirischen Statistiker“ gehört. In dieser unbequemen Stellung halten es freilich die wenigsten aus, ohne zu verkümmern oder haltlos polemisch zu werden. Topitsch hat bisher beide Gefahren mit Gelassenheit bestanden. Polemisch ist er bestenfalls auf die sanfte, nur ihm als Österreicher gegebene Art, die die Einsicht mehr als den Schmerz fördert.

Willy Hochkeppel