Countdown: 11. Juli. Startplatz: ein alter Park an einer alten Akademie, deren Verfassungsurkunde Schelling geschrieben hatte, deren erste Direktoren für München den Klassizismus erobert hatten, deren zweiter Direktor, Peter Cornelius, vom Kronprinzen Ludwig, dem späteren Ludwig eins, enthusiastisch begrüßt worden war: „Seit denen Cinquecentis gab es keinen Maler wie meinen Cornelius.“

Eine Akademie also, die die Tradition dieser Stadt (ablesbar, begehbar am Königsplatz, der Ludwig- oder Maximilianstraße) begründete, später aber Tradition in Traditionalismus untergehen ließ. Mancher meint, die Akademie habe ihre Rolle in der Kunst heute ausgespielt. Dem steht entgegen, daß Akademien wie in England seit Jahren der Startplatz der ganzen jungen Kunst, ein Experimentierfeld neuer Materialien, neuer Formen, neuer Ausstellungsmodi sind. Zündet dieses Beispiel nun auch in München?

Das Nachtsommerfest der Akademie am 11. Juli hat im Münchener Kunstbetrieb der letzten Jahre keine Parallele. Die Parallelen und Vorläufer liegen bei den Festen der Gutai-Gruppe in Osaka ab 1956, der New Yorker USCO-Gruppe: Ereignisse, die zwischen den Medien Film, Projektion, Ton, Environment, Plastik liegen.

Auf hochgestellten Projektionsflächen, die im Park verteilt waren, liefen Filme junger Regisseure neben „Metropolis“ von Fritz Lang, neben ständig wechselnden oder statischen Dias der Hippies, der LSD-Kunst, einer Buddha-Statue. Demonstration in einem Bild-Klang-Raum, neben Bäumen, die in riesigen Plastiktüten steckten, auf denen Säcke mit zerstäubtem, weißem Kunststoff hingen, die gelegentlich geöffnet wurden und den Rasen in ein weißes Feld verwandelten. Beschreibungen dieser Art im Wort sind unergiebig, gewiß; mehr noch, sie verfälschen durch ihre sukzessive Art die Gleichzeitigkeit der Ereignisse. Diese aber erst setzt den Erfolg solcher Abläufe: Wer sich ihr gegenüber nicht sperrt, beginnt sich mehr und mehr auf sich selbst zurückzuziehen, seiner Sicht, seiner Vision entsprechend zu verharren, sich zu bewegen, etwas aufzufinden oder aufzugeben. So gliedern sich Feste dieser Art in zwei Teile, einen des Arrangements der verschiedenen Medien und dessen Erlebnis, und einen der Auflösung des Arrangements. Fellini, neben anderen, hat solches Auflösen gefilmt.

„Nicht befriedigt von der Anregung unserer anderen Sinne durch das Malmaterial, müssen wir den besonderen Gehalt von Sehen, Ton, Bewegung, Menschen, Geruch, Berührung benutzten. Ich bin sicher, daß dies die Alchimie der sechziger Jahre sein wird.“ Mag sein, daß diese „Alchimie“, wie sie Allan Kaprow, einer der Initiatoren des Happening, vor knapp 10 Jahren benannte, heute in eine zweite Phase tritt, in der ein bewußtes Bemühen um Koordination der Medien, um eine systematische Erforschung der Ausdrucksmittel vorherrscht.

Warum sollte dieses Vorgehen nicht von der Akademie aufgenommen werden? Paolo Nestler, der neue Chef der Akademie in München, scheint solche Neuorientierung de facto zu vollziehen.

J. C.