Robert Blake: Disraeli. 819 Seiten, in Großbritannien: Verlag Eyre and Spottiswoode, London, 90 sh – in den Vereinigten Staaten: Verlag St. Martin’s, New York, $ 12,50.

Eine neue Disraeli-Biographie war seit fünfzig Jahren überfällig. Robert Blake, Lehrer der Politik am Christ Church College in Oxford, hat versucht, eine neue Bewertung Disraelis zu versuchen, gestützt auf allen erhältlichen Beweismitteln. Das Resultat ist eine der großen Biographien unserer Tage geworden, deren Gegenstand interessante Schlaglichter auf die politische Haltung der Gegenwart wirft.

Als Disraeli das Unterhaus verließ, um als Lord Beaconsfield seinen Platz im Oberhaus einzunehmen, schrieb ihm einer der Oppositionsführer: „Ihr Leben wird stets eine besondere Anziehung auf die Einbildung der jungen Generation ausüben. Für sie haben Sie den Horizont der Zukunftsmöglichkeiten erheblich vergrößert.“ (Solches ließe sich bestimmt nicht von Adenauer sagen.) Disraelis Leistung gilt noch heute im Parlament als einzigartig. Jedes Jahr, an Disraelis Todestag, feiert die Konservative Partei das Andenken ihres Parteiführers mit dem ‚Primrose Day‘ (Die Primel galt als Disraelis Lieblingsblume). Die Kanonisation des getauften Juden durch die Propagandisten der Tory-Partei wäre frühzeitig als peinlich empfunden worden, wäre sie nicht so komisch gewesen. Einer der Staatsmänner, die am allerwenigsten von Grundsätzen geplagt wurden, erhielt reichen Kredit dafür zugemessen, daß er einer Partei Prinzipien gab, deren größte Stärke auf ihrer Anpassungsfähigkeit beruht.

Disraeli besaß niemals eine klare politische Philosophie. Seine Karriere war ein einziges Trachten nach Macht, jedoch kaum ein Kreuzzug für den Sieg einer Tory-Demokratie. Es ist von spürbarer Ironie, wenn Harold Wilson einmal Sir Robert Peel als sein Vorbild pries, jenen Tory von wirklich noblen Grundsätzen, den Disraeli zerstörte, weil er ihm beim Aufstieg zur Macht im Wege stand. Dabei zeigen Skrupellosigkeit und eine pragmatische Grundhaltung des gegenwärtigen britischen Premierministers stärkere Wahlverwandtschaft mit Disraeli als mit jeder anderen Figur der englischen Geschichte.

Mit sympathischer Distanzierung verwahrt sich der Verfasser immer wieder gegen die Versuchung, Disraeli zu idolisieren. Im Gegenteil gelingt es ihm, ein paar Illusionen über den bedeutenden Staatsmann zu zerstören, die falsche Propaganda hat entstehen lassen. Disraeli war, zum Beispiel, in Gelddingen völlig inkompetent und bestimmt nicht das sagenhafte Finanzgenie, das mit patriotischer Geste die Mehrheit der Suezkanal-Aktien erwarb.

Mr. Blakes Argumente sind besonders fesselnd, wenn er sich um den Nachweis bemüht, daß Disraelis Charakter eher italienischer als jüdischer oder englischer Natur gewesen sein muß. Trotzdem verlief sein alltägliches Dasein so prosaisch wie das eines Zeitgenossen mit nicht gerade weit gezogenem Gesichtskreis. ‚Dizzy‘ verlebte seine Ferien stets auf seinem Landsitz unter seinen Büchern und Bäumen und begüterten Nachbarn. In den Jahren zwischen 1831 und 1881 reiste er nur viermal ins Ausland, die französische Sprache beherrschte er nur auf recht kuriose Weise. Jene bedeutende Figur auf dem europäischen Schachbrett des 19. Jahrhunderts, von dem Bismarck bewundernd aussagte: „Der alte Jude, das ist der Mann“, sah niemals Rom noch stattete er jemals Irland einen Besuch ab.

In moralischer, metaphysischer, politischer, selbst in sexueller Hinsicht wird dieser Premierminister stets ein ungelöstes Rätsel bleiben. Engstirnig und prophetisch, rücksichtslos und gütig, konservativ und radikal, romantisch und realistisch, leidenschaftlich und oberflächlich, unehrlich und dann wieder von entwaffnender Offenheit: immer steht der Leser vor Paradoxen, die sich einfach nicht erklären lassen. Vielleicht schreibt sich das Genie seine eigenen Regeln vor. Die einzige unbestreitbare Tatsache über Disraeli ist eben, daß er ein Genie gewesen ist, sein neuer Biograph bestätigt es immer wieder.