Von Marcel Reich-Ranicki

Daß Geschichtenbände zeitgenössischer Autoren von unseren Verlegern in der Regel nur unwillig und zögernd auf den Markt gebracht werden, liegt nicht an ihnen, sondern an den deutschen Lesern. Denn fast immer ziehen sie – wie freilich, auch die meisten ausländischen Leser – mäßige und schlechte Romane guten oder sogar hervorragenden Kurzgeschichten vor. Dieser Zustand ist höchst bedauerlich und vollkommen begreiflich. Er wird sich wohl kaum ändern.

Je schneller unser Leben, desto weniger Zeit haben wir. Und je weniger Zeit uns bleibt, desto bessere Aussichten hat die Kurzgeschichte, neben dem Roman zu bestehen oder ihn zu verdrängen. Das klingt zwar logisch, nur stimmt es nicht. In Wirklichkeit ist es eher umgekehrt.

Je hastiger das Leben, desto stärker das Bedürfnis nach Ruhe. Und je spürbarer die Unsicherheit, desto heftiger die bewußte oder unbewußte Sehnsucht nach Schutz oder zumindest nach Vergessenheit. Dies jedoch beeinträchtigt die Erfolgschancen der Kurzgeschichte, wie es diejenigen des Romans begünstigt.

Im Grunde gibt die gute Literatur niemals Antworten, vielmehr stellt sie immer wieder Fragen. Aber der Romancier, der eine Welt zu entwerfen versucht, ermöglicht seinen Lesern, auch wenn er es vermeiden möchte und selbst wenn es ihm davor graut, die Illusion, sie hätten eine Antwort erhalten. Von der Kurzgeschichte hingegen ist nicht einmal der Schimmer einer solchen Illusion zu erwarten.

Wie dringlich der Romancier sein Publikum warnen und wie aufrichtig und nachdrücklich er auch beteuern mag, er könne nur Zweifel und Argwohn wecken – der Roman flößt doch, allein durch seine die Zeit organisierende und gliedernde Funktion, wenn nicht gerade Behaglichkeit ein, so jedenfalls Vertrauen. Indes verbreitet die Kurzgeschichte wenn nicht Beklemmung, dann jedenfalls Unruhe.

Hier und nicht etwa in den hohen Ansprüchen, die manche Kurzgeschichten-Erzähler an die Phantasie, die Aufmerksamkeit und die Intelligenz ihrer Leser stellen, sollte man, glaube ich, die tiefste Ursache eines immerhin paradoxen Zustands sehen: Die moderne Kurzgeschichte, die ihre Eigenart und ihre Blüte zum großen Teil der Entwicklung der neuzeitlichen Presse verdankt, ist eine par excellence volkstümliche literarische Form, die sich gleichwohl beim breiten Publikum keiner besonderen Beliebtheit erfreut.

Es hat keinen Sinn, den Lesern diese Zurückhaltung zu verübeln. Doch jene, die Kurzgeschichten-Bände gleichgültig oder ängstlich meiden, sollten wissen, daß sie sich viel entgehen lassen. Während die angestrengten und geradezu verzweifelten Bemühungen zeitgenössischer deutscher Schriftsteller um den Roman in den meisten Fällen nur zu problematischen oder qualvollen Ergebnissen führen, gibt es im Bereich der Kurzgeschichte beachtliche und vorzügliche Leistungen.

Und die Verleger, die ihre Autoren immer wieder zum Roman drängen, sollten nicht vergessen, daß sie auf diese Weise schon manchen Geschichtenerzähler verloren haben, ohne einen Romancier zu gewinnen.

Gabriele Wohmann, die vor einem Jahrzehnt mit Kurzgeschichten begann, ließ sich bisher nicht beirren. Freilich ist ihr Weg, gelinde gesagt, aufschlußreich: Ein Heft mit zwei Geschichten hatte 1959 die Eremitenpresse gedruckt, der Band „Sieg über die Dämmerung“, der zwanzig Geschichten vereinte, folgte 1960 bei Piper. Sechzehn weitere Geschichten („Trinken ist das Herrlichste“) erschienen 1963 unter Ausschluß der Öffentlichkeit: Die Sammlung wurde von der Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde herausgegeben und offenbar nur den Mitgliedern dieser Gesellschaft zugänglich gemacht. Die nächsten Bücher – der kleine Roman „Abschied für länger“ und „Theater von innen“ – brachte der Walter-Verlag, doch den neuen Geschichtenband, der diesmal fünfzehn Arbeiten enthält, hat nieder ein anderer Verlag publiziert –

Gabriele Wohmann: „Erzählungen“; Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München; 144 S., 12,80 DM.

Wenn man bedenkt, daß wir in der Bundesrepublik Verlagshäuser haben, die es sich leisten, einzelne junge Autoren (aber natürlich nur solche, die Romane zu schreiben versprechen) mit monatlichen Gehältern zu finanzieren, und daß hierzulande alljährlich von großen Verlagen Romane veröffentlicht werden, die nicht nur an dem literarischen Geschmack, sondern mitunter auch – ich übertreibe keineswegs – an dem Verstand dieser Verleger und ihrer Lektoren zweifeln lassen, und wenn man andererseits bedenkt, daß Gabriele Wohmann von Verlag zu Verlag wandern mußte und daß ein Teil ihrer Geschichten überhaupt noch nicht gesammelt wurde und nach wie vor in Anthologien und Zeitungen verstreut ist, dann ahnt man die Verwirrung der Kriterien im deutschen Verlagsleben.

Denn Gabriele Wohmann gehört zu den besten Erzählern der in den dreißiger Jahren geborenen Generation. Und im Bereich der Kurzgeschichte gibt es im ganzen deutschen Sprachraum nur sehr wenige Schriftsteller, die ihr auch nur gleichkommen.

Die Brüchigkeit der Beziehungen, die Fragwürdigkeit der Bindungen, die Angst vor dem Leben, die Ratlosigkeit der Menschen, die Mißverständnisse, die sie voneinander trennen – das etwa sind die Formeln, mit denen sich das Thema Gabriele Wohmanns andeuten ließe.

Nicht gerade neu? Nun ja, es ist auch dasjenige von Marie Luise Kaschnitz, Koeppen, Frisch und Nossack, Hildesheimer und Eisenreich ebenso wie das der Jungen von Johnson bis Bichsel. Es ist, wir wissen es längst, jenes Thema unserer Zeit, das sich, selbst wenn die Schriftsteller es zu umgehen oder zu verdrängen versuchen, als unüberhörbares Ostinato wieder einfindet. Denn gerade in den Ländern, in denen sie schreiben dürfen, was sie wollen, steht ihnen die Wahl der Themen am wenigsten frei: Sie werden von der Epoche diktiert.

Gabriele Wohmann braucht nicht Adenauer, den Spiegel oder die Mauer zu erwähnen, um ihre Leser über den Ort und die Zeit der Handlung ihrer Geschichten zu informieren. Details in beiläufigen Beschreibungen, sparsam eingeführte Requisiten, alltägliche Redewendungen und gelegentliche Anspielungen in den Dialogen – es sind meist Nuancen und Winzigkeiten, die die Atmosphäre bewirken. Und die Atmosphäre ist es vor allem, die uns fast immer spüren und erkennen läßt, was fast nie gesagt wird: daß diese Geschichten in bundesrepublikanischen Städten spielen, in den späten fünfziger und in den sechziger Jahren.

Befindet sich der Schauplatz im Ausland – und das trifft nur auf drei von den fünfzehn Stücken zu und bezeichnenderweise auf die frühesten –, dann soll er nicht mehr hergeben als eine flüchtig skizzierte Kulisse für die Erlebnisse von Deutschen, die, mit sich selber beschäftigt, die fremden Orte trotz der üblichen Besichtigungen kaum wahrnehmen: „Venedig war immer noch da,... aber er glaubte, sie habe es vergessen. Es war nur noch Staffage.“

Wenn sich jedoch Gabriele Wohmann in ausnahmslos allen Geschichten auf eine sehr knappe – womit ich nicht sagen will: zu knappe – Darstellung des Hintergrunds beschränkt, so hat das natürlich mit der kleinen epischen Form zu tun, die zur besonderen Ökonomie der Mittel zwingt, aber auch mit dem Interesse der Autorin: Es gilt den Vorgängen in der Psyche der Menschen.

Erzählt wird meist von Begegnungen – schon die Titel einzelner Geschichten weisen darauf hin: „Zu Besuch“, „Die Verabredung“, „Wiedersehen in Venedig“. Trotzdem haben die Figuren Gabriele Wohmanns im Grunde keine Gegenspieler. Oder doch: aber als Gegenspieler fungiert nicht eine reale Person, sondern die Welt schlechthin; die auftretenden, oft nur typisierten Gestalten erweisen sich als ihre mehr oder weniger zufälligen Exponenten. Daher hat die Prosakunst Gabriele Wohmanns – trotz vieler Dialoge und auch dramatischer Szenen – letztlich einen monologischen Grundzug.

In der ersten Geschichte des Bandes – „Ein unwiderstehlicher Mann“ – wird eine neununddreißigjährige Lehrerin, „die es verschmäht eine fortschreitende Ergrauung ihrer Haare in Zusammenarbeit mit einem tüchtigen Friseur zu bekämpfen“, plötzlich in einen für ihr Alter – wie sie meint – „nicht nur lächerlichen und unwürdigen, sondern auch außerordentlich schmerzhaftten Zustand“ versetzt: Sie verliebt sich. Obwohl der Mann von ihr nichts wissen will und ihre Gefühle nicht einmal ahnt, glaubt sie, auch eine hoffnungslose Liebe könne „ein Ausweg aus der Umklammerung der Langeweile“ sein. Doch in Wirklichkeit kann sie sich mit ihrem absatzlosen Liebesvorrat“ nicht abfinden, sie fühlt sich benachteiligt und ausgeschlossen.

Fast alle Helden Gabriele Wohmanns leiden an einem absatzlosen Liebesvorrat“, sind enttäuscht und verbittert, befürchten, daß sie nicht eigentlich leben, sondern nur existieren oder gar vegetieren.

Und weil sie sich für isoliert und mitunter auch boykottiert halten und auf jeden Fall überzeugt, sind, sie seien zu kurz gekommen, empfinden sie – wie der erfolglose, schlechte Maler in „Ein Fall von Leichtsinn“ – bittere Genugtuung darüber, „sich ein für allemal zum Einzelgänger – in einem Akt der Selbstverstümmelung – und Rebellen gestempelt zu haben“.

Deshalb sind sie immer bereit, ihr eigenes Verhalten und ihre Umwelt zu beobachten – ebenso aus unmittelbarer Nähe wie aus der Distanz. Die Geschichte „Große Leidenschaft“ demonstriert dies auf überraschende und einprägsame Weise: Eine Liebe ist offenbar gescheitert, ein Mann wendet sich von seiner Freundin ab, noch einmal treffen sie sich im Wartesaal eines Bahnhofs. Die Verlassene selber schildert das Abschiedsgespräch, doch aus der Perspektive eines angeblichen Augenzeugen, der die beiden gesehen hat, ohne ihre Worte hören zu können.

In der „Großen Leidenschaft“ und in mehreren anderen Stücken der Sammlung zeigt es sich, daß Gabriele Wohmann die Technik der Kurzgeschichte virtuos beherrscht. Schon die jeweils einleitenden Sätze, die immer so entscheidenden Auftakte lassen die Kunstfertigkeit einer erfahrenen und sicher disponierenden Erzählerin erkennen. Natürlich hat sie von den Meistern dieser Form, den angelsächsischen zumal, viel gelernt, freilich nicht nur Gutes: Auch ihr ist mitunter allzusehr an der Pointe gelegen, was sie hier und da zu Effekten verleitet, die zu entbehren wären.

Doch haben ihre Geschichten stets einen eigenen, herben Ton. Meist bewirkt ihn die glückliche Verbindung von kühler Sachlichkeit und Herzlichkeit, von betonter Skepsis und spröder Zärtlichkeit. In diesen anmutigen und zugleich strengen Etüden findet sich viel Bitterkeit, aber kein Zorn, viel Gram, aber weder Wut noch Haß. Es sind fragile und dunkle Idyllen aus dem Alltag gewöhnlicher Menschen, es sind epische Paraphrasen in Moll, immer etwas ironisch und niemals höhnisch.

Diese exakte und schlanke, nie über ihre Verhältnisse lebende Prosa, die allerdings in der Wahl der Adjektive („orientalischbunte“, „samtweiche“) und Vergleiche (jemand beobachtet das Leben „wie durch das Objektiv eines Fernrohrs“) nicht durchweg anspruchsvoll ist, hat zuviel Natürlichkeit und Musikalität, als daß sie je in die Nähe der sterilen, auf das Inventarisieren erpichten Texte geraten könnte, mit denen man uns in den letzten Jahren so oft gelangweilt hat. Und sie hütet sich andererseits vor jenem forschen Drauflosfabulieren, das in der arg mißverstandenen Nachfolge von Grass modern geworden ist.

Die meisten Kurzgeschichten des Bandes bergen, wie es sich für diese Form ziemt, die Summe eines Lebens. Doch bezieht sich das ausschließlich auf weibliche Figuren. Daß hier dem Intimen, dem Privaten und dem Individuellen das Exemplarische im Grunde nur dann abgewonnen wird, wenn Frauen auftreten, deutet, zwar auf die mutmaßlichen Grenzen der Möglichkeiten Gabriele Wohmanns, ohne indes den Wert ihrer Prosastücke zu schmälern.

Die Geschichte „Die Klavierstunde“ endet mit, den Worten: „Das Metronom tickte laut und humorlos.“ Ein schöner Schlußsatz, und er gilt auch für die anderen Geschichten der Sammlung. In allen ist dieses unentwegte, unbarmherzige Ticken gegenwärtig. Wie singt doch die Feldmarschallin? „Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding.“