Nicht gerade neu? Nun ja, es ist auch dasjenige von Marie Luise Kaschnitz, Koeppen, Frisch und Nossack, Hildesheimer und Eisenreich ebenso wie das der Jungen von Johnson bis Bichsel. Es ist, wir wissen es längst, jenes Thema unserer Zeit, das sich, selbst wenn die Schriftsteller es zu umgehen oder zu verdrängen versuchen, als unüberhörbares Ostinato wieder einfindet. Denn gerade in den Ländern, in denen sie schreiben dürfen, was sie wollen, steht ihnen die Wahl der Themen am wenigsten frei: Sie werden von der Epoche diktiert.

Gabriele Wohmann braucht nicht Adenauer, den Spiegel oder die Mauer zu erwähnen, um ihre Leser über den Ort und die Zeit der Handlung ihrer Geschichten zu informieren. Details in beiläufigen Beschreibungen, sparsam eingeführte Requisiten, alltägliche Redewendungen und gelegentliche Anspielungen in den Dialogen – es sind meist Nuancen und Winzigkeiten, die die Atmosphäre bewirken. Und die Atmosphäre ist es vor allem, die uns fast immer spüren und erkennen läßt, was fast nie gesagt wird: daß diese Geschichten in bundesrepublikanischen Städten spielen, in den späten fünfziger und in den sechziger Jahren.

Befindet sich der Schauplatz im Ausland – und das trifft nur auf drei von den fünfzehn Stücken zu und bezeichnenderweise auf die frühesten –, dann soll er nicht mehr hergeben als eine flüchtig skizzierte Kulisse für die Erlebnisse von Deutschen, die, mit sich selber beschäftigt, die fremden Orte trotz der üblichen Besichtigungen kaum wahrnehmen: „Venedig war immer noch da,... aber er glaubte, sie habe es vergessen. Es war nur noch Staffage.“

Wenn sich jedoch Gabriele Wohmann in ausnahmslos allen Geschichten auf eine sehr knappe – womit ich nicht sagen will: zu knappe – Darstellung des Hintergrunds beschränkt, so hat das natürlich mit der kleinen epischen Form zu tun, die zur besonderen Ökonomie der Mittel zwingt, aber auch mit dem Interesse der Autorin: Es gilt den Vorgängen in der Psyche der Menschen.

Erzählt wird meist von Begegnungen – schon die Titel einzelner Geschichten weisen darauf hin: „Zu Besuch“, „Die Verabredung“, „Wiedersehen in Venedig“. Trotzdem haben die Figuren Gabriele Wohmanns im Grunde keine Gegenspieler. Oder doch: aber als Gegenspieler fungiert nicht eine reale Person, sondern die Welt schlechthin; die auftretenden, oft nur typisierten Gestalten erweisen sich als ihre mehr oder weniger zufälligen Exponenten. Daher hat die Prosakunst Gabriele Wohmanns – trotz vieler Dialoge und auch dramatischer Szenen – letztlich einen monologischen Grundzug.

In der ersten Geschichte des Bandes – „Ein unwiderstehlicher Mann“ – wird eine neununddreißigjährige Lehrerin, „die es verschmäht eine fortschreitende Ergrauung ihrer Haare in Zusammenarbeit mit einem tüchtigen Friseur zu bekämpfen“, plötzlich in einen für ihr Alter – wie sie meint – „nicht nur lächerlichen und unwürdigen, sondern auch außerordentlich schmerzhaftten Zustand“ versetzt: Sie verliebt sich. Obwohl der Mann von ihr nichts wissen will und ihre Gefühle nicht einmal ahnt, glaubt sie, auch eine hoffnungslose Liebe könne „ein Ausweg aus der Umklammerung der Langeweile“ sein. Doch in Wirklichkeit kann sie sich mit ihrem absatzlosen Liebesvorrat“ nicht abfinden, sie fühlt sich benachteiligt und ausgeschlossen.

Fast alle Helden Gabriele Wohmanns leiden an einem absatzlosen Liebesvorrat“, sind enttäuscht und verbittert, befürchten, daß sie nicht eigentlich leben, sondern nur existieren oder gar vegetieren.