Doch die Blumen für den Philosophen Herbert Marcuse beg innen schon zu welken / Von Kai Hermann

Berlin, im Juli

Berlins Studenten-Opposition zeigte, wie artig sie sein kann: Einer ihrer Repräsentanten trug 25 rote Nelken auf das Podium des Auditorium maximum der Universität. Der Geehrte, ein alter Herr, bedankte sich für das Gebinde mit einem Augenzwinkern, das die etwas deplacierte Feierlichkeit der Zeremonie wieder aufhob.

Lang anhaltender Applaus dankte schließlich Herbert Marcuse, dem Star und geistigen Vater der Jugendrevolten in aller westlicher Welt, für sein kurzes Gastspiel an der Freien Universität.

Das Blumenpräsent war übrigens mehr als Artigkeit. Es war Demonstration. Denn an gleicher Stelle hatten wenige Tage zuvor dieselben Studenten Abschied von ihrem ehemaligen Idol, Theodor ("Teddy") Adorno, gefeiert. Das Geschenk für ihn: ein roter Gummiteddy. Abschiedswehmut erstickte im lautstarken Hohn. Das geistige Scheiden schien nur Adorno weh zu tun. Habermas, Horkheimer, Adorno – gestern noch die Väter der jungen deutschen Linken – sind aufs Altenteil abgeschoben worden.

Sie werden abgelöst von einem, der seinen Schülern die Gesellschaft nicht nur mit Marx "miesmacht", sondern sie auch zum revolutionären Handeln aufruft.

Herbert Marcuse hat den Eier- und Tomatenwerfern vor der Berliner Oper den Arm geführt. Eine neue Studentengeneration hat sein Taschenbuch in der Kollegmappe. Marcuse macht jeden Jungakademiker zum potentiellen Revolutionär. Und die Schlußsätze seiner Kritik der "repressiven Toleranz" sind Alibi und politisches Glaubensbekenntnis der jungen Aufständischen nicht nur in Berlin: