Von Wolfgang Müller-Haeseler

Die Mode ist nicht zu Hause auf dem Klein-Flottbeker Turnierplatz beim Deutschen Spring-Dressur-Fahr-Derby, jedenfalls nicht die große Mode. Eleganz ja, aber auch die hanseatisch gediegen. Die wenigen Miniröcke waren norddeutsch-lang und einige Hosenanzüge sahen eher aus, als ob sie sich vom Strand der Ostseeküste nach Hamburg verlaufen hatten. Im Gegensatz zu vielen internationalen Reiterfesten konzentriert sich das Geschehen weniger auf das weite Rund der Zuschauerränge als vielmehr auf die Hauptpersonen des grünen Rasens, die mehr als 500 Pferde und ihre Reiter.

Es kann kein Zweifel bestehen, im Mittelpunkt des Deutschen Spring-Derbys, das in diesem Jahr zum 39. Male ausgetragen wurde, steht der Sport. Für die Veranstalter ist diese Konzentration auf den Sport sicher willkommen, soweit sie Pferdenarren sind; soweit sie aber Manager sind, werden sie diese Erscheinung mit zumindest einem weinenden Auge sehen. Denn würde das Derby ein gesellschaftlicher Anziehungspunkt sein, könnten die Veranstalter höhere Eintrittspreise nehmen, als die jetzt überwiegenden Pferdesportliebhaber zu zahlen in der Lage sind.

So schlittert der Norddeutsche und Flottbeker Reiterverein als Veranstalter stets am Rande der finanziellen Pleite dahin. Bei einem Etat von gut einer halben Million Mark kann allein der Wettergott helfen, die Kosten zu decken. Wenn alles nicht nur gut, sondern sogar sehr gut geht, bleibt ein Überschuß von vielleicht 20 000 Mark, wenig genug für einen Verein, der sich der Jugendarbeit verschrieben hat und der unter seinen rund 900 Mitgliedern allein 350 Jugendliche hat. Herrscht aber das berühmte Hamburger Schmuddelwetter, kann es sehr gut sein, daß der Kassierer am Ende der fünf reiterlichen Tage in seine Bücher ein Defizit von 50 000 bis 60 000 Mark eintragen muß. Der Senat der Hansestadt Hamburg verhält sich – unverständlicherweise – dieser Pferdesportveranstaltung gegenüber zwar nicht ganz zugeknöpft, aber während die Traber die Stadtkasse um 180 000 Mark jährlich anzapfen können und die Flachrenner sogar noch einen größeren Batzen vom Stadtkämmerer abholen, muß sich das Spring-Derby mit einem Zuschuß von 40 000 Mark begnügen.

Von diesen Sorgen merken die Besucher nichts, sie freuen sich über die prächtige Anlage, die herrlichen Pferde, die bunten Röcke und kosten den Sensationskitzel aus, wenn Roß und Reiter über den schwierigsten Parcours der Welt gehen. In diesem Jahr war es die vorgeschriebene Zahl von 35 Pferden, die an den Start ging: Elf waren als Plazierte der beiden Vorjahre startberechtigt, 24 hatten sich in zwei Ausscheidungen qualifiziert. Wie schwer dieses Springen ist, zeigt, daß von den Vorjahresplazierten nur vier unter die ersten Zehn kamen, während sechs der diesjährigen Plazierten sich vorher qualifiziert hatten.

Der strahlende Sieger war der erst 20jährige Engländer Andrew Fielder auf seinem mächtigen, ungestümen Vibart, wie die diesjährige Derby-Woche überhaupt ein Triumph der Ausländer wurde. Das Fahrderby gewann erstmalig ein Ausländer, der Ungar Lászlo Kádár, Sieger bei dem Dressur-Derby der Damen wurde Joan Hall auf dem Lipizzaner Conversano Caprice aus England. Udo Nesch auf Wodka blieb es vorbehalten, in den großen Prüfungen die deutschen Farben zu vertreten: er gewann die Dressur der Herren vor dem Vorjahressieger Dr. Rainer Klimke.

Mit Vibart hatte Andrew Fielder schon eine Woche zuvor den Großen Preis von Aachen gewonnen. Eigentlich hatte er gar nicht kommen wollen, aber: „Mein Freund Fernandez hat mich in Aachen überredet, und so habe ich nachgemeldet.“ Buchstäblich in letzter Minute, denn sein Name war in den Programmen noch nicht einmal ausgedruckt. „Es war der schwerste Parcours, den ich in Europa kennengelernt habe“, sagte Fielder kurz vor der Siegerehrung mit einem Gesicht, in dem sich die Anstrengung seiner beiden Ritte mit der Freude mischten, das schwerste Springen der Welt gewonnen zu haben. Fielder ist nach dem amerikanischen Major Rattler (1952), dem argentinischen Major Delia (1956), dem Italiener Raimondo d’Inzeo (1961) und dem Brasilianer Nelson Pessoa (1962, 1963 und 1965) der fünfte Ausländer, dem ein Sieg im Deutschen Spring-Derby glückte. Nelson Pessoa mußte sich diesmal mit dem siebenten Platz begnügen, während von früheren Siegern, die auch diesmal an den Start gingen, Schridde mit Dozent auf dem 12. Platz, Jarasinski mit Hallo – im Vorjahr Sieger auf Torro – auf dem 13. Platz und Schockemöhle mit Donald auf dem 15. Platz landeten.